Paul Heyman denkt nicht in festen Lagern. Der WWE Hall of Famer, der seit Jahrzehnten zu den prägendsten Persönlichkeiten des professionellen Wrestlings gehört, betrachtet die Branche mit einer ungewöhnlich offenen Haltung.
Im Gespräch mit Chris Van Vliet sprach er darüber, warum er AEW als wichtige Alternative zur WWE betrachtet, welchen Einfluss die frühere ECW bis heute auf den Wrestling-Stil ausübt und weshalb TNA im Jahr 2010 versuchte, ihn für einen Neuanfang zu gewinnen.
AEW hat die Bezahlung vieler Wrestler verändert
Auf die Frage, ob sich das Wrestling durch die Existenz von AEW verbessert habe, musste Heyman nicht lange überlegen. Er hoffe sehr, dass dies der Fall sei. Nach seiner Ansicht habe Tony Khan mit den finanziellen Möglichkeiten von AEW die Gehaltsstrukturen im Wrestling nachhaltig verändert.
Da es inzwischen zwei große US-Promotionen gebe, die um dieselben Talente konkurrierten, hätten sich die Verdienstmöglichkeiten für Wrestler im Vergleich zu den Jahren zwischen 2017 und 2019 deutlich verbessert.
Darüber hinaus sei AEW auf einem etablierten Fernsehsender vertreten und habe sich mit einem eigenen Wrestling-Stil erfolgreich als Alternative zur WWE etabliert. Fans, die neben WWE ein weiteres großes Produkt verfolgen möchten, hätten dadurch heute eine echte Wahl. Heyman machte außerdem deutlich, dass er sich sogar noch mehr Promotions wünsche, die der WWE Konkurrenz machen und das Wrestling insgesamt bereichern könnten.
Der Einfluss der ECW reicht bis zu AEW
Besonders interessant findet Heyman, wie deutlich sich der Einfluss der ehemaligen ECW noch heute bei AEW erkennen lässt. Als Beispiel nannte er Jon Moxley, den er als klassischen Performer in der Tradition von Sandman oder New Jack betrachtet.
Auch der Wrestling-Stil vieler AEW-Matches erinnere ihn an die legendäre Fehde zwischen Rob Van Dam und Jerry Lynn aus dem Jahr 1999, die zu den prägendsten Rivalitäten der ECW-Geschichte zählt.
Nach Heymans Einschätzung entwickelte sich dieser Stil später in der Independent-Szene weiter, insbesondere bei Pro Wrestling Guerrilla. Von dort aus habe er zahlreiche Wrestler geprägt, die heute bei AEW aktiv seien. Für ihn lasse sich deshalb eine klare Entwicklungslinie von der ECW über die Independent-Szene bis hin zum heutigen AEW-Produkt erkennen.
Konkurrenz macht auch die WWE besser
Heyman betonte außerdem, dass er AEW nicht als Bedrohung für WWE wahrnehme. Vielmehr sehe er den Wettbewerb als wichtigen Antrieb. Eine starke Konkurrenz sorge dafür, dass sich WWE ständig weiterentwickeln und noch härter arbeiten müsse, um die Marktführerschaft zu behaupten.
Zwar verfüge WWE weiterhin über enorme Vorteile wie ihre weltweite Reichweite, ihre jahrzehntelange Geschichte und ihre große Tradition, dennoch profitiere die gesamte Wrestling-Branche von mehreren starken Promotions.
Seine Aussagen wirkten dabei keineswegs defensiv. Vielmehr sprach Heyman aus der Erfahrung seiner ECW-Zeit heraus und machte deutlich, dass eine lebendige Wrestling-Landschaft seiner Ansicht nach von unterschiedlichen Alternativen und echtem Wettbewerb lebt.
TNA wollte Heyman mit einem Fünfjahresplan gewinnen
Im weiteren Verlauf des Interviews sprach Heyman auch über einen weniger bekannten Abschnitt seiner Karriere. Im Jahr 2010 habe TNA Wrestling Kontakt zu ihm aufgenommen und Interesse an einer Zusammenarbeit gezeigt. Daraufhin entwickelte er einen konkreten Fünfjahresplan, mit dem er die Promotion grundlegend umbauen wollte.
Der wichtigste Bestandteil seines Konzepts bestand darin, nahezu alle Wrestler über 40 Jahre aus dem aktiven Roster zu streichen. Nach eigener Aussage hätte es lediglich eine einzige Ausnahme gegeben. Aus seiner Sicht setzte TNA damals zu stark auf bekannte Veteranen und wirkte dadurch wie eine Promotion, in der viele Wrestler älter erschienen, als sie tatsächlich waren.
Ob TNA seinen Vorschlag jemals ernsthaft umsetzen wollte, verriet Heyman nicht. Letztlich kam eine Zusammenarbeit zwischen beiden Seiten nie zustande.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar