Die NXT-Cut-Welle vom 24. April 2026 hat in den vergangenen Tagen für viele Spekulationen gesorgt, doch neue Details lassen erkennen, dass die Entscheidungen einen anderen Hintergrund haben als zunächst angenommen. Bryan Alvarez veröffentlichte am 2. Mai bei F4WOnline ein präzisierendes Update, das die Stoßrichtung der Cuts deutlich verändert. Demnach handelt es sich nicht um eine klassische Sparrunde, sondern um eine bewusste Talent-Bewertungs-Maßnahme: „Die NXT-Cuts sollen eher Talent-Evaluation-Cuts sein als irgendwie budgetär bedingt. So etwas kommt ziemlich häufig vor.“
Damit verschiebt sich die Lesart des gesamten Vorgangs. Statt einer rein wirtschaftlichen Konsolidierungs-Maßnahme handelt es sich nach Alvarez‘ Einordnung um einen normalen Vorgang im Entwicklungs-System der WWE, in dem Akteure regelmäßig daran gemessen werden, ob sie ihre Entwicklungs-Marker innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens erreichen. Bodyslam hatte bereits Ende April unabhängig eine ähnliche Linie berichtet, was die jetzige Bestätigung zusätzlich stützt.
Wer wurde entlassen?
Insgesamt elf Akteure wurden im Rahmen der NXT-Cut-Welle vom 24. April aus dem Roster genommen. Die vollständige Liste umfasst Tyra Mae Steele, Carlee Bright, Sirena Linton, Tyson DuPont, Tyriek Igwe, Chris Island, Malik Blade, Trill London, Andre Chase, Luca Crucifino sowie Dante Chen. Damit hat die WWE auf einen Schlag eine ganze Reihe von Talenten aus dem Performance Center entfernt, die in den vergangenen Monaten in unterschiedlichen Phasen ihrer Entwicklung standen.
Alle Betroffenen unterliegen einer 30-tägigen Wettbewerbssperre, die am 24. Mai 2026 ausläuft. Die kürzere Sperrfrist im Vergleich zu den 90 Tagen, die für Main-Roster-Akteure gelten, hängt mit dem Status als Developmental-Akteure zusammen. Damit dürfen die elf Akteure bereits Ende Mai für andere Promotions auftreten, was schnellere Karriere-Übergänge ermöglicht als bei den jüngsten Main Roster-Trennungen.
Tamyra Mensah-Stock im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit
Besondere Aufmerksamkeit zog die Entlassung von Tyra Mae Steele auf sich, im wahren Leben Tamyra Mensah-Stock. Die Olympia-Siegerin im Frauen-Ringen der Klasse bis 68 Kilogramm aus den Spielen 2021 in Tokio hatte als erste afroamerikanische Frau überhaupt olympisches Gold im Ringen gewonnen. Mit diesen sportlichen Eckdaten wechselte sie 2024 zur WWE und gewann 2025 die WWE-„LFG“-Serie, was als Sprungbrett für eine NXT-Karriere konzipiert war.
Dave Meltzer ordnete die Entscheidung im Wrestling Observer Newsletter klar ein: „Steele hatte LFG gewonnen und wurde nach ihrem Sieg in der Serie für das NXT-Roster gepusht, kam dann aber nur wenige Wochen zum Einsatz, bevor sie in Vergessenheit geriet. Ehrlich gesagt hat sie nicht überzeugt.“ Damit liefert Meltzer eine inhaltliche Einordnung, die sich mit der Talent-Evaluation-Logik deckt. Die olympische Erfolgsgeschichte allein war nicht ausreichend, um den NXT-Push zu rechtfertigen.
Pikantes Timing bei Carlee Bright und Sirena Linton
Besonders ungewöhnlich ist das Timing der Cuts bei Carlee Bright und Sirena Linton. Beide Akteurinnen sind aktiv in der laufenden „LFG“-Staffel 3 zu sehen, in der sie um einen TV-Push bei NXT kämpfen. Meltzer wies darauf hin, dass beide einen Tag vor dem Start der neuen LFG-Staffel entlassen wurden, was für die Inszenierung der Show eine erhebliche Erschwernis darstellt. „Bright und Linton sind beide in der aktuellen LFG-Staffel zu sehen, was bedeutet, dass sie am Tag vor Saisonbeginn aus dem Programm genommen wurden, wo sie um einen TV-Push bei NXT kämpften.“
Bei Bright kommt eine zusätzliche Information hinzu. Sie war zum Zeitpunkt ihrer Entlassung gerade in einer Werbekampagne von „The General Insurance“ gemeinsam mit Rhea Ripley aktiv. Ihr eigenes Statement nach Bekanntwerden des Cuts zeigt die Tragweite des Vorgangs auch persönlich: „Das war nicht so, wie ich mir das Ende dieses Kapitels vorgestellt hatte, aber wenn diese Reise mir eines beigebracht hat, dann das, wie man durch Unsicherheit kämpft.“ Bright, mit bürgerlichem Namen Kennedy Cummins, war seit 2022 bei der WWE und zuletzt bei Evolve aktiv. Trotz ihrer Entlassung wird sie in Staffel 3 von „LFG“ weiterhin zu sehen sein.
Triple H und Nick Khan im Hintergrund
Auch wenn die Cut-Welle keinen Spar-Hintergrund hat, wurde sie von der WWE-Spitze persönlich getragen. Mehrere Quellen bestätigen, dass die Entscheidungen intern von Triple H und Nick Khan getroffen wurden. Damit handelt es sich um eine bewusste Management-Entscheidung, nicht um eine externe TKO-Direktive wie bei den parallel laufenden Main Roster-Trennungen.
Diese Trennung der Verantwortlichkeit ist relevant, weil sie zeigt, dass die WWE im Developmental-Bereich nach eigenen Kriterien arbeitet, die nicht zwingend mit den Cost-Cutting-Bewegungen der TKO Group Holdings korrespondieren. Genau diese Eigenständigkeit unterscheidet die NXT-Cuts von der Welle der Hauptkader-Trennungen, die in den vergangenen Tagen unter anderem Kofi Kingston und Xavier Woods betraf.
JC Mateo und Tonga Loa als zweite Erzähllinie
Auf der zweiten Linie der ohnehin schon umfangreichen Cut-Welle stehen zwei Akteure aus dem Main Roster, deren Trennung am 2. Mai bekannt wurde. JC Mateo und Tonga Loa, beide zuletzt zentrale Mitglieder von Solo Sikoas MFTs-Gruppierung, verlassen die WWE laut Bryan Alvarez im Rahmen einer regulären Entlassung, also nicht einvernehmlich wie Kingston und Woods.
JC Mateo ist im Indie-Wrestling als Jeff Cobb bekannt und gilt als einer der athletisch beeindruckendsten Akteure der jüngeren Wrestling-Geschichte. Sein WWE-Debüt erfolgte bei Backlash 2025, doch der erhoffte Hauptkader-Push blieb aus. Als wahrscheinlichste Landing-Spots gelten AEW und NJPW, wobei NJPW als „familiar canvas“ zusätzliche Anziehung haben dürfte. Mateo hatte sich in seiner NJPW-Phase international einen Namen gemacht und könnte dort schnell wieder eine zentrale Rolle einnehmen.
Tonga Loa, Bruder des weiterhin bei der WWE aktiven Tama Tonga, hatte zuletzt am 13. April auf Raw mitgewirkt. Auch er dürfte AEW oder NJPW im Blick haben, wobei die familiäre Verbindung zu Tama Tonga bei der WWE eine eigene Storyline-Komplikation darstellt.
Folgen für die Bloodline-Erzählung
Mit dem Wegfall von Mateo und Tonga Loa verliert Solo Sikoa zwei seiner wichtigsten Bausteine, die ihm in den vergangenen Wochen als laute Verstärkung gedient hatten. Genau in dem Moment, in dem die WWE rund um Backlash am 9. Mai die Reigns-Fatu-Erzählung zuspitzt, fällt damit ein erheblicher Teil der MFTs-Architektur weg. Wie das Kreativ-Team auf diese Entwicklung reagiert, dürfte in den kommenden Tagen sichtbar werden, vermutlich rund um die laufende Mystery-Caller-Erzählung von Jacob Fatu.
Mindestens ein weiterer Cut wird erwartet
Bryan Alvarez deutete bereits am 27. April auf Wrestling Observer Radio an, dass die NXT-Cut-Liste größer sei als das, was bislang publik wurde. „Mir wurde am Freitag gesagt, dass es eine große NXT-Liste sei, und diese Liste ist nicht so groß. Es könnten also weitere Namen aus dem Developmental-Bereich folgen.“ Damit bleibt die Cut-Welle der WWE auch nach den prominenten Trennungen vom 2. Mai erkennbar nicht abgeschlossen. Wer als Nächster betroffen sein könnte, ist offen.
Eine offizielle WWE-Stellungnahme zu den Hintergründen der Cut-Welle liegt bislang nicht vor. Auch Triple H und die WWE-Pressestelle haben sich nicht öffentlich zu den Kriterien der Talent-Evaluation oder den finanziellen Konditionen rund um die parallel laufenden Main Roster-Trennungen geäußert.

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