AJ Lee steht nur noch wenige Tage vor ihrer Rückkehr auf die größte Bühne des Wrestlings. Die amtierende Women’s Intercontinental Championesse wird ihren Titel am Samstagabend im Allegiant Stadium in Las Vegas bei WrestleMania 42 gegen Becky Lynch verteidigen. Im Gespräch mit The Takedown auf SI hat Lee über ihren Weg zurück in den Ring gesprochen, die Bedeutung ihrer Fans hervorgehoben und klargemacht, dass nichts von alledem ohne das WWE-Universum möglich gewesen wäre.
Zehn Jahre Pause und ein überraschendes Comeback
Lee beendete im Alter von nur 28 Jahren ihre aktive Karriere, kurz nach ihrem Tag Team Sieg an der Seite von Paige über die Bella Twins bei WrestleMania 31.
Anschließend zog sie sich bewusst aus der Öffentlichkeit zurück, engagierte sich als Fürsprecherin für psychische Gesundheit, arbeitete als Autorin und war von 2021 bis 2023 hinter den Kulissen als Produzentin bei „WOW: Women of Wrestling” tätig. Erst durch wiederaufgenommene Autogrammstunden und Fotosessions habe sie gespürt, wie sehr sie in den WWE-Shows vermisst worden war.
Als sie im vergangenen September zur WWE zurückkehrte, tat sie dies ohne jegliche Erwartungen: weder an ein langes Programm mit Becky Lynch, noch an einen Titelgewinn oder ein Einzelmatch bei WrestleMania: „Ich wusste, dass die Rückkehr die richtige Entscheidung war, wegen meiner Fans,“ sagte sie.
Die Macht einer treuen Fangemeinde
Besonders eindrücklich beschreibt Lee, wie sich ihr bei Fan-Events das Ausmaß der Unterstützung offenbart hat. Stundenlange Warteschlangen und intensive Begegnungen hätten ihr gezeigt, dass die Fans weiterhin hinter ihr stehen und der Hunger nach ihrer Rückkehr über all die Jahre nie verschwunden sei. Diese Loyalität, die es aus ihrer Sicht nur im Wrestling gebe, habe sie seit ihrem ersten Tag begleitet und entscheidend zum Gedanken „Underdogs for the Win“ beigetragen. Gerade deshalb sei es für sie von großer persönlicher Bedeutung, dieser Fangemeinde nun sowohl einen Titelkampf als auch ein Match bei WrestleMania bieten zu können.
Von #GiveDivasAChance zur Women’s Revolution
Schon in ihrer ersten WWE-Zeit setzte sich Lee für mehr Sichtbarkeit der Womens Division ein. Ein Tweet Anfang 2015 an die damalige WWE-Markenchefin Stephanie McMahon gilt als Auslöser der #GiveDivasAChance-Bewegung, aus der die Women’s Revolution hervorging, in deren Rahmen unter anderem Becky Lynch ihre erste Chance im Main Roster erhielt. Wenige Monate später verließ Lee die WWE, ohne zu ahnen, in welche Welt sie später einmal zurückkehren würde:
„Egal, wofür man sich einsetzt oder wofür man kämpft, es geht immer um die nächste Generation. Man glaubt irgendwie nie, dass diese Veränderung einem selbst zugutekommen wird. Man will den Wandel in Gang setzen, damit die Welt für die Menschen, die nach einem kommen, besser wird. Man hinterlässt die Welt in einem besseren Zustand, als man sie vorgefunden hat. Und genau das war meine Idee beim Wrestling.“
Inzwischen arbeitet Lee mit genau jener Generation zusammen, deren Karriere sie einst mitgeprägt hat: „Es ist ein bisschen so, als wäre man bei seiner eigenen Beerdigung. Jeder hat etwas wirklich Nettes darüber zu sagen, wie ich ihm in seiner Karriere geholfen habe, und das ist einfach bewegend, sehr surreal und cool.“
Reifer, ruhiger und in Bestform
Während sich das Womens Wrestling insgesamt stark verändert hat, hat auch Lee selbst einen Wandel durchlaufen. Früher verglich sie sich mit einem aggressiven Chihuahua, der sich um jede Gelegenheit riss, sich zu beweisen. Heute bringe sie eine andere Haltung mit in den Ring: „Ich weiß, wer ich bin. Ich weiß, was ich geleistet habe. Ich kann diesen Ort mit einer ganz neuen Selbstsicherheit und der Gelassenheit betreten, die eine erwachsene Frau auszeichnet. Und es ist eine ganz andere Dimension, so aufzutreten, mit der Einstellung: Ja, ich weiß, was ich kann. Das macht es auch ein bisschen mehr Spaß. Ich kann die Momente wirklich genießen und in mich aufnehmen, anstatt das Gefühl zu haben, dass man damals jeden Tag ums Überleben kämpfen musste.“
Auch körperlich fühlt sich Lee heute anders aufgestellt. In ihrer ersten Ära dauerten viele Divas-Titelverteidigungen laut Aufzeichnungen nicht einmal zwei Minuten. Seit ihrem Comeback hat sie dagegen noch kein Match unter zehn Minuten bestritten: „Zum Glück bin ich in der besten Form meines Lebens, und das liegt zum Teil daran, dass ich mich in den letzten zehn Jahren um meine psychische Gesundheit gekümmert und die richtige Balance gefunden habe, um im Alltag ein gesunder, starker Mensch zu sein. Um das auch ins Wrestling einbringen zu können, bin ich als die beste Version des Athleten angetreten, die ich sein kann. Das hat mir sehr geholfen.“
Zeit im Ring und die richtige Geschichte
Rund um WrestleMania 42 wird einmal mehr intensiv diskutiert, wie viel Ringzeit Frauen zugestanden wird. Ganze X-Accounts dokumentieren wöchentlich die Minuten, die Wrestlerinnen in den verschiedenen Promotions erhalten. Lee selbst möchte sich auf keinen festen Zeitrahmen festlegen lassen: „Es geht darum, die beste Geschichte zu erzählen, die die Leute die ganze Zeit über fesselt. Und vieles davon kann nicht geplant werden. Es muss sich natürlich anfühlen, es muss sich so anfühlen, als würde man in Echtzeit mit dem Publikum kommunizieren. Und das ist etwas, womit ich mich schon immer im Einklang gefühlt habe und was wahrscheinlich einen großen Teil meines Erfolgs ausmacht.“
Für ihr Duell mit Lynch hat Lee ein klares Ziel vor Augen, das sich nicht in Minuten messen lässt: „Wir möchten, dass die Zuschauer mit dem Herzen bei uns sind. Bisher waren sie einfach total begeistert von der Rivalität zwischen mir und Becky. Diese Leidenschaft spürt man regelrecht, wenn man im Ring steht. Man spürt es auf der Haut. Das ist also aufregend. Ich möchte einfach, dass die Leute diesen unbändigen Hunger auf dieses Duell beibehalten.“
Jeder weitere Moment als Bonus
Lee geht mit einer Haltung an den Prozess heran, die sich deutlich von jener früherer Jahre unterscheidet: „Ich bin so stolz auf alles, was ich bisher erreicht habe, dass sich alles, was jetzt kommt, wie ein Bonus anfühlt. Es ist wie das Sahnehäubchen auf dem Eisbecher. In dieser Phase geht es einfach darum, es zu genießen, sich überraschen zu lassen, alles in mich aufzunehmen und jede Sekunde Spaß zu haben. Ich habe keinen Titel erwartet, ich habe kein weiteres Match bei Mania erwartet. Solange ich also einfach nur die Fahrt genieße, werden mir sicher noch viele schöne Dinge widerfahren.“
Perfekte Bilanz und viele Traummatches im Hinterkopf
Seit ihrer Rückkehr bei Wrestlepalooza im vergangenen September hat Lee eine Bilanz von 4:0, davon drei Siege gegen Becky Lynch. Sollte sie „The Man” bei ihrem nächsten Aufeinandertreffen erneut zur Aufgabe im „Black Widow” zwingen, stünde ihrer Regentschaft als „Women’s Intercontinental Champion” gegen eine Reihe neuer Gegnerinnen kaum etwas im Weg. An Wunschgegnerinnen mangelt es nicht: Sie erwähnte Rhea Ripley, Liv Morgan, Roxanne Perez, Stephanie Vaquer und Lyra Valkyria namentlich. Die endgültige Entscheidung liegt jedoch beim kreativen Team der WWE.
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