NieR: Automata™ – Träumen Androiden von elektrischen Schafen?

                                            Getestet und verfasst von General M

Gut sechs Jahre ist es schon her, da erschien auf PlayStation 3 und der XBOX 360 ein zu diesem Zeitpunkt wenig beachtetes Spiel mit Namen „NieR“. Heute allerdings genießt die wohldurchdachte Geschichte um androides Leben Kultstatus und damit offenbar genügend Beliebtheit, dass Publisher Square Enix dem jetzt eine Fortsetzung folgen lässt. Unter der kreativen Feder von Serienschöpfer Yoko Taro entstand NieR: Automata beim Entwickler Platinum Games. Die kennt man vor allem durch Hack´n´Slay Games wie Bayonetta und Metal Gear Rising: Revengeance. Und in der Tat ist auch hier die Handschrift des Studios deutlich zu spüren. Warum es jedoch trotzdem schwierig ist, Automata nur einem Genre zuzuordnen und dabei unter´m Strich ein kleines Meisterwerk herausgekommen ist, zeigt unser Test.

Gestatten? 2B.

Um mit Automata Spaß zu haben, benötigt man zum Glück keine Kenntnisse über den Vorgänger. Zumal die Geschichte auch fix erklärt ist: In sehr ferner Zukunft wurde die Menschheit durch eine Alien – Invasion nahezu komplett ausgelöscht. Während sich gerade mal wenige hunderttausend Überlebende auf den Mond flüchten und sich dort um neue Stärke bemühen, hinterlassen die siegreichen Invasoren Maschinenwesen auf der zur Dystopie gewordenen Erde, um eine Rückkehr der Menschheit zu verhindern. Doch die denkt gar nicht daran, ihren Planeten einfach aufzugeben. Widerstand bildet sich ebenso wie gewaltige Raumstationen im Orbit, von denen aus die YoRHa – Einheiten, von Menschen geschaffene Androiden für sämtliche Zwecke, aufmachen, den Krieg gegen die Maschinen aufzunehmen und endlich einen entscheidenen Sieg zu erringen. 

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                     Die gewaltigen Bosse erfordern besondere Taktiken. Und gute Reflexe.

Ja, die Grundgeschichte ist recht simpel und es gibt genügend Spiele, denen dieses Gerüst vollkommen genügt. Nicht aber Automata. Tatsächlich verbirgt sich unter der etwas oberflächlichen Rahmenhandlung eine der am meisten wunderbar erzählten Geschichten jüngerer Zeit. Die Protagonistin 2B, in deren künstliche Haut wir schlüpfen, wird ausgesandt, um zusammen mit ihrem Partner 9S, einem Aufklärungsmodell, den lokalen Widerstand auf der Erde zu unterstützen. Doch je mehr die Handlung voranschreitet, desto mehr beschäftigen sich die Protagonisten mit der Frage, ob in den Maschinenwesen nicht doch mehr Menschlichkeit steckt, als sie zuerst dachten. Denn besagte Maschinen „leben“ nun schon so lange auf der zerstörten Erde, dass sie angefangen haben, viele Mechanismen des menschlichen Seins zu adaptieren. Ist es dann überhaupt noch möglich, bzw. moralisch vertretbar, sie einfach abzuschlachten? Die tiefgründige Philisophie des Spiels entfaltet sich nicht nur über die Haupthandlung, selbst die zahlreíchen Nebenquests tragen dazu bei, vieles zu hinterfragen. So berichtet beispielsweise ein Widerstandskämpfer darüber, dass er schon seit Äonen seine Wunden mit Maschinenteilen geflickt hat und im Grunde längst vergessen hat, was an ihm schon alles künstlich ist. Nur sein linkes Bein, das weiß er mit Gewissheit, ist noch sein eigenes. Aber auch das bereitet ihm Probleme und er stellt sich folgende Frage: „Wenn ich mein linkes Bein austausche, bin ich dann noch Mensch? Habe ich dann noch eine Identität?“ Es sind ebenjene Fragen, die sich durch das ganze Spiel ziehen und den Spieler zum Nachdenken anregen. Begleitet wird all das von einer so fantastischen melancholischen Musik, dass man das Gefühl hat, in einem Traum von Phillip K. Dick zu versinken. Allerdings muss man anmerken, dass die Nebenmissionen an sich sehr repetiv gestaltet sind und kaum Spannung oder große Abwechslung bieten. Wären da nicht die bisweilen faszinierenden Storyschnipsel, könnte man sie als gänzlich belanglos links liegen lassen. 

Immer feste drauf!

Bei aller Ethik ist das Spiel im Kern dennoch ein handfester Actioner. Und das in ganz vielerlei Hinsicht. Mal verwandelt die Kamera das Spiel in einen Sidescroller, ein anderes Mal findet man sich in einem Mech wieder und erlebt klassische Luftkämpfe aus der Vogelperspektive, wie sie einst ein Turrican geboten hat. Der Wechsel zwischen all diesen Eigenschaften verleiht dem Spiel eine angenehme Abwechslung. Auch viele RPG – Elemente werden geboten. 2B level mit zunehmender Erfahrung auf, verfügt aber weder über Talentbäume für neue Fertigkeiten, noch über ein Charakterfenster für neue Ausrüstung. Androiden verbessern sich über Konfigurationen. Und von denen dank zahlreicher Komponenten so viele, dass die die Suche nach der perfekten Kombination nur noch mehr zur Spieltiefe hinzufügt, als ohnehin bereits durch die gute Story vorhanden ist. Solche Komponenten lassen sich zwar überall finden, wirklich mächtige Upgrades erhält man allerdings durch Händleranfertigungen. Ob nun das Begleitgeschütz mehr Reichweite erhält, oder die Angriffe von 2B stärker werden – grundlegend ist nahezu alles möglich. Aber je stärker das Upgrade, desto mehr Speicher benötigt es auch. Das ist beispielsweise der Haken am leichten Modus: Die extrem mächtigen Hilfe besetzen jede Menge Speicher und dienen eher dazu, über kurz oder lang gänzlich deaktiviert zu werden, sobald man etwas Sicherheit gewonnen hat. Selbst die Gesundheits – oder XP – Anzeige belegt Speicher. Es sollte also gut überlegt werden, wie genau man in den Kampf ziehen möchte.

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          Die Kämpfe erfordern viel Geschick, besonders zeitiges Ausweichen ist essentiell.

Aber natürlich ist Automata bei allem zumeist ein 3rd Person – Hack´n´Slay. Und, das muss man sagen, einer der besten bisher. Das liegt auch an den hervorragend ausbalancierten Schwierigkeitsgraden, welche von einem leichten Schwierigkeitsgrad mit zahlreichen Hilfen (in Form von Konfigurationen für automatischen Angriff und Ausweichen) bishin zu einem nahezu unmöglichen Schwierigkeitsgrad reicht, in der man kaum mehr als einen Treffer aushält. Für mich persönlich fühlen sich die weniger harten Herausforderungen angenehmer an, da ich allgemein eher schlecht im Umgang mit klassischen Japanspielen bin. Trotzdem merkt man die Mühe, welche sich die Entwickler dabei gemacht haben, den Titel für alle Interessenten weltweit möglichst zugänglich zu gestalten. Die Schwierigkeit ist jederzeit frei im Spiel wählbar, es gibt umfangreiche Tutorials und eine behutsame Einführung in die Spielmechaniken, welche sich dank einer einfachen, aber doch komplexen Steuerung schnell erlernen lassen. Das Spiel unterscheidet lediglich zwischen leichten und schweren Angriffen, allerdings erfordern die teilweise epischen Bosskämpfe durchaus taktisches Vorgehen und eine geschickte Nutzung sämtlicher Mechaniken.

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           Im Laufe der Story geraten 2B und 9S in immer schwerere moralische Konflikte. 

Das Ergebnis ist extrem schnelles Gameplay in Gefechtssituationen, aber eben auch gemütliches Erkunden außerhalb davon. Eben genau das, was Fans von Platinum Games erwarten. Zumal man, sofern man sich online anmeldet, beim Erkunden auch immer wieder auf androide Leichen trifft, für die man sogar beten kann, ehe man sie hemmungslos auf der Suche nach Komponenten und temporären Buffs ausschlachtet. 2B und 9S können übrigens nicht wirklich das Zeitliche segnen. Erwischt es die Heldin auf dem Schlachtfeld, wird ihr Bewusstsein geborgen und einfach in einen neuen Körper transformiert. Dann gilt es jedoch, sein Hab und Gut bei der zurückgelassenen Hülle zu bergen. Dark Souls lässt grüßen!

Und technisch?

Alle Schwerter haben zwei Seiten. Das gilt für Automata in vielerlei Hinsicht. Während die Charaktere und Kampfanimationen absolut gelungen sind und technisch überzeugen, leidet zumindest die von uns getestete PlayStation 4 – Version an einigen unschönen Mankos. Da wäre zum einen die oftmals matschige Spielumgebung, welche qualitativ im Vergleich zu den Charakteren deutlich abfällt. Zum anderen leidet das Spiel aber auch unter Pop – Ups, Fade – Ins, immer mal wieder auftretenden Mikrorucklern in der offenen Welt. Außerdem muss man sich mit Kantenflimmern und stellenweise drastischer Treppchenbildung herumärgern. Dem stehen positiv kurze Ladezeiten und eine sonst stabile Bildrate von schnellen 60 Frames pro Sekunde gegenüber. Es bleibt abzuwarten, ob die am 17. März erscheinende PC – Fassung seine Sache hier besser macht, oder ob es sich eher um einen schlechten Port handelt. Wir werden dazu definitiv bei Zeiten noch einen entsprechenden Nachtrag verfassen.

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                 Automata bietet tolle Charaktere, aber stellenweise sehr triste Umgebungen.

All diese Mankos sind zwar störend, mindern die Faszination des Spiels aber kaum. Das liegt daran, dass die Welt von Automata zwar relativ klein im Vergleich zu großen Open World – Konkurrenten ist, dafür aber jedes Gebiet, von der Wüste über eine zerstörte Stadt und Co. liebevoll designt und mit viel Wiedererkennungswert ausgestattet wurde. Manchmal fühlt man sich angesichts der Leere innerhalb dieser Gebiete aber doch etwas einsam. Allerdings…vielleicht soll eben genau das so sein. Wer das richtige Ende von Automata erleben will, muss wenigstens 5x durch das Spiel ziehen. Ich will darüber nicht zu viel verraten, aber tatsächlich kommt am Ende alles zu einem nachvollziehbaren Schluss, welchen sich niemand entgehen lassen sollte. Dafür erzählt das Spiel ab dem dritten Durchlauf (was allerdings einen extrem zähen zweiten Durchlauf zwingend notwendig macht) eine gänzlich andere Geschichte, die es zu entdecken lohnt. Abseits davon gibt es allerdings noch viele andere kleine Enden, wenn man beispielsweise von einer giftigen Pflanze nascht. Aber das ist dann eher ein Gimmick.

Fazit und Wertung

ava2 „Unter einer auf den ersten Blick oberflächlichen und generischen Geschichte versteckt sich tatsächlich eine toll erzählte Geschichte, die sich erst nach mehrmaligem Durchspielen gänzlich, dann aber sehr befriedigend offenbart. Die tiefgehenden Fragen über Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt ergreifen gleichermaßen wie sie zum Nachdenken anregen. Auch der Mix aus verschiedenen Genres, die nahtlos ineinander übergehen, ist gelungen. Mit dem genialen System der Upgrades hat man außerdem frischen Wind ins RPG – Genre gebracht. Wer sich für tolle Geschichten und furiose Action begeistern kann, sich dabei aber nicht von dem sehr japanischen Setting abschrecken lässt, ist bei NieR: Automata in allerbesten Händen. Lediglich technisch leidet wenigstens die Konsolenfassung unter einigen störenden Mankos.“


PRO:

+ Großartige, tiefgehende Geschichte
+ Sympathische, toll in Szene gesetzte Protagonisten
+ Furios inszenierte Kämpfe
+ Epische Bossgegner, die taktisches Vorgehen erfordern
+ Motivierende Jagd nach Upgrades
+ Gute (englische) Sprecher
+ Gradioser Soundtrack
+ Zugängliche, aber doch komplexe Bedienung
+ Auf Wunsch viele Hilfen
+ Gut strukturierte Tutorials
+ Sehr hoher Wiederspielwert dank verschiedener Enden
+ Insgesamt sehr umfangreich
+ Ausbalancierte Schwierigkeitsgrade
+ Meistens flüssige Darstellung
+ Funktioniert auch ohne Kenntnisse über den Vorgänger

CONTRA:

– Nebenmissionen inhaltlich belanglos und sehr repetiv
– Störendes Kantenflimmern
– Mikroruckler
– Grafisch stark schwankende Umgebungsqualität
– Nerviger zweiter Spieldurchgang


                                                   GESAMTWERTUNG:      88%

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