Der ehemalige WWE-Writer Chris Dunn war von 2016 bis 2021 Teil des kreativen Teams. Im „Public Enemies Podcast“ hat er eine Reihe von Geschichten geteilt, die zeigen, was hinter den Kulissen wirklich passiert. Er gibt Einblicke in abgebrochene Konzepte, die nie im Fernsehen gezeigt wurden, und in Talente, die intern anders bewertet wurden als öffentlich wahrgenommen.
Die fast verwirklichte nWo 2020 mit gänzlich neuer Besetzung
Während der ThunderDome-Ära im Jahr 2020 seien laut Dunn zahlreiche ungewöhnliche Ideen diskutiert worden, da das Produzieren von TV-Shows unter Pandemie-Bedingungen besonders herausfordernd gewesen sei. Eine dieser Ideen war die Rückkehr der New World Order mit einer komplett neuen Besetzung.
Die vorgeschlagenen Mitglieder waren Sheamus, Cesaro, Shinsuke Nakamura und Lars Sullivan. Die Idee sei so weit konkretisiert worden, dass ein ehemaliges nWo-Original nach Orlando eingeflogen werden sollte, um die Gruppierung im TV vorzustellen. X-Pac sei es jedenfalls nicht gewesen, betonte Dunn. Das Vorhaben scheiterte, weil das betreffende Original bei seiner Ankunft in Orlando den COVID-Test nicht bestanden habe.
Einen konkreten Plan für die Zeit nach dem Debüt habe es nicht gegeben, erklärte Dunn. Die Idee sei gewesen, die Gruppierung zunächst im Fernsehen einzuführen und dann zu schauen, wie die Fans reagieren. Im WWE-Produktionsbetrieb ist das keine Seltenheit: Manchmal entscheidet das Publikum durch seine Reaktion mit, in welche Richtung eine Geschichte weitergeht.
Die eigentlich interessante Frage bleibt jedoch offen: Welches nWo-Original wäre nach Orlando geflogen? Dunn weiß es nicht mehr. Kevin Nash, einer der Gründer der New World Order und WWE-Hall-of-Famer, reagierte auf die Enthüllung auf X und schloss sich selbst als Kandidaten aus. Er habe von solchen Plänen nie etwas gehört. Scott Hall und X-Pac habe er damals fast jedes Wochenende persönlich getroffen, mit keinem von beiden sei je darüber gesprochen worden.
Damit scheiden drei der bekanntesten nWo-Mitglieder aus. Hollywood Hulk Hogan wäre nach Ansicht vieler Fans der einzige verbliebene Name gewesen, der dem Debüt die nötige Glaubwürdigkeit verliehen hätte. Wer es tatsächlich war, wird wohl ein Rätsel bleiben.
Roman Reigns verbesserte selbst das schwächste Material
Gefragt nach Roman Reigns‘ Umgang mit schwachem kreativem Material, bestätigte Dunn, was viele WWE-Fans ohnehin vermutet haben dürften. Reigns habe immer alles aufgewertet, an dem er beteiligt gewesen sei, erklärte er. Dunn nutzte Reigns‘ berüchtigte Dog-Food-Fehde mit King Corbin als Aufhänger, ohne sie zu verteidigen. Er erklärte, die Arbeit im Kreativbereich der WWE bestehe oft darin, bereits festgelegte Ideen umzusetzen, unabhängig davon, ob die Writer sie für gut halten. Das Ziel sei dann nicht, aus einer schlechten Idee eine großartige zu machen, sondern eine Katastrophe im Fernsehen zu verhindern.
Den entscheidenden Entwicklungsschritt habe Reigns nach seiner Fehde mit John Cena gemacht. Ab diesem Zeitpunkt habe er sich stärker für seinen kreativen Einsatz eingesetzt. Laut Dunn sei den Fans häufig gar nicht bewusst, wie viel schlechter eine Story in ihrer ursprünglichen Form gewesen sei, bevor Darsteller und Kreativteam sie bearbeitet hätten.
Road Dogg wollte Big E als Champion vor KofiMania
Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, nach der Road Dogg oft als Verantwortlicher für kreative Fehlentscheidungen gilt, schildert Dunn ihn als jemanden, der sich aktiv für Talente einsetzte. Konkret habe Road Dogg rund ein Jahr vor Kofi Kingstons denkwürdigem Titelgewinn bei WrestleMania 35 tatsächlich Big E als SmackDown-Champion aufstellen wollen.
Als Kingston bei den Fans an Beliebtheit gewann, war es laut Berichten Road Dogg, der Vince McMahon davon überzeugte, diesen Aufschwung ernst zu nehmen. KofiMania entwickelte sich zu einer der beliebtesten Titelgeschichten in der Geschichte der WWE. Big E erhielt später im Jahr 2021 seine eigene World Championship-Regentschaft, als er seinen Money-in-the-Bank-Vertrag gegen Bobby Lashley einlöste. Dunn erwähnte außerdem Mustafa Ali: Als 205 Live startete, habe Road Dogg verhindert, dass Ali als klischeehafter Heel gebucht wird, und ihn stattdessen als Sympathieträger durchgesetzt.
WWE Unreal auf Netflix: Echt oder Inszenierung?
Zur Netflix-Dokuserie WWE Unreal äußerte Dunn eine differenzierte Einschätzung. Teile der Show würden echten internen Kreativbesprechungen ähneln, erklärte er. Andere Szenen seien erkennbar so aufbereitet worden, dass ein neues Zuschauerpublikum die Sprache und Denkweise des Wrestlings besser verstehen könne.
Als Beispiel nannte er eine Szene mit Penta, in der einem leitenden Writer erklärt wird, was einen Charakter attraktiv macht. Dunn war überzeugt, dass dieser Autor das im echten Arbeitsalltag bereits wissen würde. Die Szene sei also nicht für die Kreativabteilung, sondern für das Netflix-Publikum gedacht.
Dennoch sei nicht alles inszeniert: Gespräche darüber, welche Gegner zu einem Champion passen, entsprächen exakt dem, was hinter verschlossenen Türen besprochen werde. Der Spagat der Serie liege darin, echte Insider-Einblicke zu liefern und gleichzeitig für Zuschauer ohne Wrestling-Vorwissen verständlich zu bleiben.

Gott sei dank wurde die Neuauflage der NWO nicht verwirklicht das wäre hundertprozentig ein megaflop geworden.