Charlotte Flair hat in ihrer WWE-Karriere nahezu jede große Bühne erlebt und zahlreiche Erfolge gesammelt. Gerade deshalb fällt ihr heutiger Blick auf einige frühere Jahre deutlich differenzierter aus als noch zu Beginn ihrer Laufbahn.
Charlotte Flair erklärt, warum Fans sie lange nur schwer unterstützen konnten
Im Gespräch mit Ilona Maher bei „Power Hour“ blickte Charlotte Flair ausführlich darauf zurück, warum Teile des WWE-Publikums über viele Jahre Schwierigkeiten damit hatten, sie als klare Publikumslieblingin anzunehmen. Dabei machte die frühere Women’s Championesse deutlich, dass sie die Verantwortung dafür keineswegs ausschließlich bei den Fans sieht.
Zu Beginn ihrer Karriere habe sie sich stark auf ihre athletischen Fähigkeiten verlassen. Der sportliche Teil des Wrestlings sei ihr deutlich leichter gefallen als Entertainment, Charisma und die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit vor den Kameras. Gleichzeitig sei ihr berühmter Familienname von Anfang an ein Faktor gewesen, schließlich wurde sie stets auch als Tochter von Ric Flair wahrgenommen.
Charlotte habe deshalb unbedingt beweisen wollen, dass sie sich ihre Position durch harte Arbeit selbst verdient habe. Rückblickend glaubt sie jedoch, dass es charakterlich möglicherweise sogar einfacher gewesen wäre, genau die gegenteilige Richtung einzuschlagen und den Eindruck einer privilegierten Tochter bewusst auszuspielen.
Statt ständig vermitteln zu wollen, wie hart sie arbeite und warum sie ihren Platz verdient habe, hätte sie nach eigener Einschätzung offensiver damit spielen können, dass ihr aufgrund ihres Namens vermeintlich alles zufliege. Eine arrogante Version von Charlotte Flair, die den Zuschauern genau diesen Vorwurf selbstbewusst entgegenhält, wäre möglicherweise leichter verständlich gewesen als der Versuch, gleichzeitig dominant aufzutreten und dennoch Anerkennung als hart arbeitende Publikumslieblingin zu erhalten.
Ständiges Gewinnen wurde für Flair selbst zum Problem
Den entscheidenden Punkt sieht Charlotte allerdings in ihrer außergewöhnlich dominanten Darstellung über viele Jahre. Sie nimmt nichts von ihren eigenen Leistungen oder ihrer Bedeutung für das Women’s Wrestling zurück, räumt inzwischen jedoch ein, dass permanentes Gewinnen einen Wrestler für das Publikum schwerer zugänglich machen kann.
Fans würden sich häufig mit dem Außenseiter identifizieren und demjenigen die Daumen drücken, der sich gegen Widerstände nach oben kämpfen müsse. Bei Charlotte war über lange Zeit das Gegenteil der Fall. Sie gewann zahlreiche Championships, stand regelmäßig in großen Titelmatches und wurde innerhalb der WWE-Hierarchie dauerhaft als eine der wichtigsten Frauen präsentiert.
Damit sei sie für viele Zuschauer gerade nicht jene Person gewesen, deren Durchbruch man unbedingt miterleben wollte. Ihre Dominanz nahm ihr nach eigener Einschätzung einen Teil jener Verletzlichkeit, die es dem Publikum ermöglicht, emotional mit einer Figur mitzugehen.
Gerade das vergangene Jahr habe ihre Darstellung deshalb verändert. Weil sie nicht permanent im Mittelpunkt der großen Championship-Szene stand, habe das Publikum andere Seiten von ihr sehen können. Charlotte beschreibt diese Entwicklung als eine Art neue Farbschicht für ihren Charakter.
Mehr Verletzlichkeit statt des Bildes der perfekten Championesse
Flair glaubt inzwischen, dass es ihrer Verbindung zum Publikum geholfen hat, nicht mehr ausschließlich das Bild einer scheinbar unantastbaren und perfekten Championesse vermitteln zu wollen. Dazu gehört für sie auch, offener über persönliche Schwierigkeiten und weniger perfekte Seiten ihres Lebens zu sprechen. Der Anspruch, immer makellos wirken zu müssen, habe ihre Figur über lange Zeit geprägt. Heute sieht Charlotte offenbar einen größeren Wert darin, auch Schwächen zuzulassen und zu zeigen, dass selbst jemand mit ihrer Karriere nicht ständig souverän, erfolgreich und unangreifbar sein muss.
Gerade darin erkennt sie einen wesentlichen Unterschied zu früheren Jahren. Ihr Ehrgeiz sei keineswegs verschwunden, doch die Art und Weise, wie sie ihre eigene Karriere bewertet, habe sich verändert. Erfolg müsse nicht mehr ausschließlich bedeuten, jede große Championship zu gewinnen oder aus jeder wichtigen Rivalität als Siegerin hervorzugehen.
Diese neue Perspektive steht in engem Zusammenhang mit ihrer Erkenntnis, warum die Reaktionen der Zuschauer auf sie über Jahre so gespalten ausfielen. Je perfekter und dominanter sie dargestellt wurde, desto schwieriger wurde es für viele Fans offenbar, sich emotional mit ihr zu identifizieren.
Charlotte Flair verfolgt weiterhin ein außergewöhnlich großes Ziel
Dass Charlotte ihre eigene Dominanz heute kritischer betrachtet, bedeutet allerdings keineswegs, dass ihre Ambitionen kleiner geworden sind. Im Gegenteil: Flair machte deutlich, dass sie weiterhin ein ausgesprochen großes Ziel verfolgt. Sie möchte nicht lediglich als eine der größten Wrestlerinnen aller Zeiten gelten. Ihr Anspruch geht deutlich weiter. Charlotte möchte als „größter Wrestler“ überhaupt in Erinnerung bleiben, unabhängig davon, ob es sich um Männer oder Frauen handelt.
Für sie spielt die Geschlechterkategorie bei diesem persönlichen Ziel keine Rolle. Alles, was sie heute tue, ordne sie diesem Anspruch unter. Jede Minute, jede Stunde und jeder Tag ihrer Karriere seien für sie Teil dieses Versuchs, sich am Ende einen Platz an der absoluten Spitze der Wrestling-Geschichte zu sichern.
Die Fans hatten Charlotte Flair satt, weil sie nach ihrer Verletzungspause sofort die Chance auf ein Titelmatch bekam. Andere Wrestlerinnen, die schon lange dabei sind, müssen sich weiterhin hinten anstellen. Die Fans wissen genau, dass die WWE plant, die Anzahl der Titelträger gegen ihren Vater zu überbieten.