Der Weg zu WWE beginnt für viele Talente lange vor dem ersten Auftritt vor Fernsehkameras. Bei Tryouts müssen sie innerhalb kurzer Zeit zeigen, ob sie aus einer Vielzahl von Bewerbern herausstechen können und ob sie das Potenzial besitzen, sich innerhalb des WWE-Systems weiterzuentwickeln.
Während und nach der SummerSlam-Woche gewährte die WWE ungewöhnlich detaillierte Einblicke in den Auswahlprozess. Mehrere Verantwortliche erklärten dabei, welche Eigenschaften besonders aufmerksam beobachtet werden und welche Fehler Talenten bereits früh zum Verhängnis werden können.
Gabe Sapolsky erklärt, worauf WWE bei Independent-Wrestlern achtet
Im Rahmen eines von WWE veröffentlichten Videos äußerte sich Talentscout Gabe Sapolsky ausführlich dazu, welche Kriterien für ihn bei der Bewertung von Wrestlern aus der Independent-Szene entscheidend sind.
Dabei stellte Sapolsky klar, dass solide Grundlagen im Ring weiterhin eine wichtige Voraussetzung darstellen. Aktionen müssten glaubwürdig wirken und beim Zuschauer eine unmittelbare Reaktion hervorrufen. Wenn ein Schlag überzeugend aussehe oder ein Griff den Eindruck vermittle, tatsächlich schmerzhaft zu sein, sei dies für ihn ein wichtiges Zeichen.
Sapolsky betrachtet die Leistungen dabei bewusst auch aus der Perspektive eines Wrestling-Fans. Wenn eine Aktion bei ihm selbst eine spontane Reaktion auslöse, könne dies ebenfalls bei den Verantwortlichen des Unternehmens und letztlich beim Publikum funktionieren. Technisches Können allein reiche allerdings nicht aus.
WWE sucht nicht einfach nur gute Wrestler
Besonders deutlich wurde Sapolsky bei der Frage, wodurch sich ein Kandidat letztlich von anderen unterscheiden kann. Ein guter Wrestler zu sein, könne zwar die Tür öffnen, doch WWE suche nach seiner Einschätzung keine Talente, die lediglich im Ring überzeugen.
Vielmehr befinde sich das Unternehmen im Geschäft mit Superstars. Aus diesem Grund müsse ein Wrestler über Fähigkeiten hinaus etwas Eigenständiges mitbringen. Dazu gehören Persönlichkeit, Charakter, besondere Eigenschaften und eine Präsentation, die nicht problemlos auf zahlreiche andere Kandidaten übertragen werden könnte.
Für Sapolsky stellt sich deshalb immer die Frage, wodurch ein Talent einzigartig wird, nachdem die grundlegenden Anforderungen bereits erfüllt sind.
Darüber hinaus achtet er besonders auf zwei Eigenschaften. Zum einen möchte er Menschen sehen, die bereit sind, härter zu arbeiten als andere. Zum anderen spielen Lernbereitschaft und die Fähigkeit, Coaching anzunehmen, eine zentrale Rolle. Talente müssten zuhören können und bereit sein, sich innerhalb des Performance-Center-Systems weiterzuentwickeln.
NXT Head Writer Johnny Russo nennt typische Promo-Fehler
Wie schnell sich ein Talent bei einem Tryout selbst ausbremsen kann, zeigte ein weiterer Einblick aus der SummerSlam-Woche. Johnny Russo, Head Writer von WWE NXT, sprach mit den Teilnehmern über ihre Promo-Arbeit und erklärte, welche Fehler immer wieder auftreten.
Einer seiner wichtigsten Hinweise betraf die Art des Sprechens. Manche Wrestler versuchen nach Russos Einschätzung, ihren Aussagen besondere Bedeutung zu verleihen, indem sie jedes einzelne Wort oder kurze Satzfragmente künstlich betonen.
Genau davon riet er ab. Eine Promo solle nicht wie eine Aneinanderreihung dramatischer Wortfetzen klingen, sondern möglichst natürlich wirken. Talente sollten vollständige Sätze verwenden und so sprechen, wie es auch in einem normalen Gespräch der Fall wäre.
Rhetorische Fragen können einer Promo schaden
Russo sprach außerdem einen Fehler an, der in Wrestling-Promos häufig zu beobachten ist. Talente würden ihrem Publikum Fragen stellen, obwohl in der konkreten Situation niemand darauf antworten könne. Statt Fragen wie „Wollt ihr etwas wissen?“ zu verwenden und anschließend ohnehin weiterzusprechen, sollten Wrestler nach seiner Auffassung direkt zu ihrer Aussage kommen.
Dabei geht es weniger darum, rhetorische Stilmittel grundsätzlich auszuschließen, sondern darum, unnötige Elemente zu vermeiden, die eine Promo unnatürlich oder einstudiert wirken lassen können.
Allgemeine Aussagen reichen bei einem WWE-Tryout nicht aus
Besonders kritisch äußerte sich Russo über austauschbare Inhalte. Aussagen darüber, dass WWE der eigene Traum sei, man besonders hart arbeite oder unbedingt der Beste werden wolle, seien für sich genommen nicht ausreichend. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Praktisch jeder Teilnehmer eines solchen Tryouts könne dieselben Aussagen treffen.
Stattdessen möchte Russo erfahren, was die jeweilige Person von allen anderen unterscheidet. Jeder Wrestler habe einen anderen Hintergrund, eine eigene Entwicklung und individuelle Erfahrungen. Genau diese Unterschiede müssten in einer Promo sichtbar werden.
Damit deckt sich seine Einschätzung auffällig mit den Aussagen von Sapolsky. Beide Verantwortlichen legen großen Wert darauf, dass ein Talent nicht nur vorhandene Wrestling-Muster reproduziert, sondern eine eigene Identität erkennen lässt.
Auch Körpersprache spielt eine Rolle
Russo stellte zudem klar, dass Bewegungen während einer Promo keineswegs grundsätzlich problematisch seien. Körpersprache könne eine Aussage unterstützen und einem Charakter zusätzliche Ausdruckskraft verleihen. Problematisch werde es allerdings, wenn ein Talent ohne erkennbaren Grund ständig auf und ab laufe. In diesem Fall könne die Bewegung von den eigentlichen Worten ablenken und die Wirkung der Promo schwächen.
Die körperliche Darstellung sollte deshalb immer das Gesagte unterstützen, anstatt mit ihm um Aufmerksamkeit zu konkurrieren.
Zahlreiche bekannte Independent-Wrestler nahmen am Tryout teil
Das Tryout fand im Rahmen der SummerSlam-Woche in Minneapolis statt. Unter den Teilnehmern befanden sich mehrere Wrestler, die bereits außerhalb von WWE größere Erfahrungen gesammelt haben.
Dazu gehörte unter anderem KJ Orso, der vielen Wrestling-Fans noch unter seinem früheren AEW-Ringnamen Fuego Del Sol bekannt sein dürfte. Ebenfalls beteiligt waren MLW-Wrestler Josh Bishop, J-Rod sowie die frühere AEW-Dark-Wrestlerin Brooke Havoc. Zu den weiteren bekannten Teilnehmern gehörten Titus Alexander, Conan Lycan, Colton Theron Vaught, Joe Lando, Adam White und Monica Monroe.
WWE zeigte in seinem Material außerdem eine Promo von Joseph Chavis, dem Sohn des früheren WWE-Wrestlers Tatanka.
Steve Corino sieht viel Qualität im Teilnehmerfeld
NXT-Coach Steve Corino äußerte sich ebenfalls zu den Kandidaten und zeigte sich von der allgemeinen Qualität des Feldes angetan. Mehrere Teilnehmer hätten sein Interesse geweckt. Eine Besonderheit fiel ihm bei den gewünschten Rollen auf. Viele Wrestler wollten sich offenbar lieber als Heels präsentieren. Corino konnte diesen Wunsch nachvollziehen, da er während seiner eigenen aktiven Karriere selbst über lange Zeit vor allem als Bösewicht erfolgreich gewesen war.
Ein Tryout bedeutet noch keinen WWE-Vertrag
Die Teilnahme an einem WWE-Tryout ist grundsätzlich nicht mit einer Verpflichtung gleichzusetzen. Laut den offiziellen Angaben des Unternehmens erhalten die Teilnehmer nach ihrer Bewertung Feedback und erfahren anschließend, ob sich daraus eine weitere Möglichkeit ergibt. Wer WWE dauerhaft überzeugt, setzt seine Entwicklung üblicherweise im Performance Center in Orlando fort.
Triple H formulierte ähnliche Anforderungen bereits vor Jahren
Die aktuellen Aussagen von Sapolsky und Russo passen zu einer Philosophie, die WWE bereits seit längerer Zeit verfolgt. Triple H erklärte schon Jahre zuvor, dass Charisma zu den wichtigsten Eigenschaften potenzieller WWE-Superstars gehöre. Entscheidend sei nicht ausschließlich, wie gut jemand bestimmte Wrestling-Techniken beherrsche. Von besonderer Bedeutung sei vielmehr, ob eine Person allein durch ihre Anwesenheit Aufmerksamkeit auf sich ziehen könne.

Das ist keine News, das Anforderungsprofil hat sich nie geändert. In der Praxis haben sie heute allerdings viel mehr „Durchlaufpublikum“ mit kurzen 15-Minutes-Of-Fame Einlagen. Den Willen / die Fähigkeit Leute wirklich so groß und langfristig aufzubauen wie früher, kann ich nicht erkennen. Alles viel zu randomisiert heute.