Die Auseinandersetzung zwischen AEW und TNA rund um promotionsübergreifende Matches spitzt sich weiter zu. Nachdem TNA unter Präsident Carlos Silva mehrere Talente kurzfristig aus bereits angesetzten Indie-Matches gegen AEW-Stars zurückgezogen hat, melden sich Will Ospreay und Kenny Omega mit deutlicher Kritik zu Wort. Nic Nemeth erläutert zugleich die Hintergründe zur Absage seines geplanten Duells mit AEW World Champion MJF und nennt vertragliche Konflikte als entscheidenden Grund.
Kurzfristige Absagen in mehreren Indie-Shows
Der Konflikt entzündet sich an zwei prominenten Cross-Promotion-Matches. Das für den 1. Mai bei Create A Pro Wrestling in Melville, New York, angesetzte Duell zwischen MJF und Nemeth wurde ebenso gestrichen wie das ursprünglich für den 16. April bei der WrestleCon Supershow vorgesehene Match zwischen Ricochet und Leon Slater. Die offizielle Begründung von TNA lautet „partner conflicts“. Nemeth tritt nun bei Create A Pro gegen Bear Bronson an, während MJF eine Open Challenge bestreiten soll. Zusätzlich steht Nemeth bei TNA Rebellion gegen AJ Francis im Ring.
Will Ospreay: Klare Kritik und historischer Vergleich
Will Ospreay äußerte sich in einem Interview mit Superstar Crossovers Josh Martinez im Vorfeld von AEW Dynasty und zog einen Vergleich zu seinem eigenen historischen Match gegen Pete Dunne am 17. Januar 2018. Damals trat er als IWGP Junior Heavyweight Champion auf den WWE UK Champion Dunne, ein Aufeinandertreffen, das nur durch enge Abstimmungen zwischen NJPW und WWE möglich wurde. Für Ospreay ist gerade dieser Fall der Beweis, dass unterschiedliche Promotions sehr wohl zusammenarbeiten können, wenn der Wille vorhanden ist.
Besonders stößt ihm auf, dass TNA zunächst Genehmigungen erteilt und diese anschließend wieder entzogen habe. Dieses Vorgehen bewertete er als „feige“ und stellte infrage, wie Silva seine eigenen Talente damit einordne. Nach Ospreays Einschätzung nimmt die Promotion ihren Stars wichtige Chancen, sich promotionsübergreifend zu beweisen und weiterzuentwickeln. Trotz seiner scharfen Kritik betonte er, dass er die frühen TNA-Jahre nach wie vor zu den prägendsten Phasen des modernen Wrestlings zählt.
Kenny Omega: Kritik an „Blasen“-Mentalität
Auch Kenny Omega meldete sich zu Wort und zeichnete in einem Interview mit The Takedown ein ähnliches Bild. Für ihn liegt die Wurzel des Problems in einer abgeschotteten Denkweise, die Kooperationen im Wrestling-Geschäft strukturell behindert: „Wenn man zu lange in einer Blase lebt und nicht erkennt, was außerhalb dieser Blase existiert und wie klein diese Blase ist, und in diesem Fall sprechen wir über professionelles Wrestling, dann stößt man meiner Meinung nach auf Probleme wie dieses, bei dem jemand denkt, er sei besser als andere, und dass es keinen Grund zur Zusammenarbeit gibt, und er die Vorteile nicht sieht.“
Omega sieht in dieser Haltung eine Bremse für die gesamte Branche und plädiert für eine deutlich offenere Arbeitsweise zwischen den Unternehmen: „Sie sehen oft nur die negativen Aspekte und die Nachteile. Und ich bin nach wie vor der Meinung, dass wir an einem Punkt stehen, an dem professionelles Wrestling noch mehr sein könnte, als es derzeit ist. Und ich glaube wirklich, dass, wenn es Situationen gäbe, in denen wir alle fair miteinander umgehen könnten, sich die Branche insgesamt in eine positivere Richtung entwickeln würde und wir einen positiveren Trend sehen würden.“
Finanzielle und strategische Interessen
Gleichzeitig räumte Omega ein, dass eine reale Kooperation zwischen den Ligen komplexer sei, als sie von außen wirke. Sobald Geld, TV-Rechte und Vermarktung ins Spiel kommen, entstehen laut ihm sofort Fragestellungen, die weit über ein einzelnes Match hinausgehen: „Ich verstehe, dass es angesichts der Geldsummen, um die es geht, ein sehr heikles Thema und eine sehr heikle Angelegenheit ist. Und wenn wir an einen Punkt kommen, an dem wir mit Cross-Promotion beginnen oder Wrestler gegen Talente antreten lassen, die beispielsweise der WWE angehören, wird es zu einem heiklen Thema: Wie bewerben wir das? Wer gewinnt? Wer verliert?“
Für ihn stehen dabei weniger die reinen Match-Ergebnisse im Vordergrund, sondern die Wahrnehmung der beteiligten Ligen: „Ich meine das nicht speziell im Sinne von ‚wer gewinnt, wer verliert‘ auf dem Papier, sondern ich meine: Wer gewinnt, wer verliert als Promotion? Wer wird am Ende als die stärkere Promotion dastehen, wer wird so aussehen, als hätte er aus diesem Szenario etwas gewonnen?“
Nic Nemeths Blick hinter die Kulissen
Nic Nemeth selbst sprach ausführlich über die Absage seines MJF-Duells und die Hintergründe, die ihm TNA-Präsident Carlos Silva nach seinen UK-Dates offen dargelegt habe. Laut Nemeth verwies Silva auf komplexe vertragliche Verpflichtungen und Überschneidungen mit konkurrierenden Promotions sowie Streaming- und TV-Partnern. Diese Konstellation habe die Durchführung des Matches rechtlich untragbar gemacht, weshalb TNA den für das Unternehmen sichersten Weg gewählt habe.
Nemeth zeigte sich von der Entscheidung hart getroffen. Für ihn hätte das Duell mit MJF ein seltenes Aufeinandertreffen zweier Generationen und Ligen bedeutet, das sich nicht beliebig wiederholen lasse. Der TNA-Star betonte zugleich, dass er die Hoffnung auf ein Match mit MJF zu einem späteren Zeitpunkt nicht aufgegeben hat.
Zeichen einer wachsenden Grundsatzdebatte
Die Fälle Nemeth und Slater stehen längst nicht mehr isoliert für einzelne Absagen, sondern für eine grundsätzliche Frage, wie weit die großen Wrestling-Unternehmen zusammenarbeiten wollen. Während Tony Khan zuvor erklärt hatte, von TNAs Rückzug überrascht worden zu sein, heben Ospreay und Omega die Debatte nun auf eine strukturelle Ebene. Sollte sich diese Linie in AEW verfestigen und weitere Stars öffentlich nachziehen, dürfte der Konflikt rund um Cross-Promotion-Matches zu einem zentralen Branchenthema werden.
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