AEW zwischen kreativer Neuausrichtung und offenen Meilensteinen
Das Jahr 2025 wird von vielen Fans als Comeback-Phase für All Elite Wrestling wahrgenommen. Mit „All In: Texas“ veranstaltete die Promotion ihre bislang größte Show in Nordamerika. Gleichzeitig wurde AEW bei den Jahresendauszeichnungen von Sports Illustrated mehrfach geehrt, darunter mit dem Titel „Promotion des Jahres“. Ein zentrales Thema war die langfristige Storyline rund um „Hangman“ Adam Page, dessen Weg zur AEW World Championship mit dem Titelgewinn gegen Jon Moxley in Dallas seinen Höhepunkt fand. Parallel zu diesem kreativen Erfolg nahm AEW-Präsident Tony Khan tiefgreifende Änderungen am internen kreativen Prozess vor.
Tony Khan über mehr Kontrolle und einen veränderten Arbeitsansatz
In einem ausführlichen Interview mit „The Takedown“ von Sports Illustrated erklärte Khan, dass der kreative Aufschwung im Jahr 2025 eng mit einer neuen Energie innerhalb der Company verbunden sei. Diese habe sich insbesondere durch die veränderte Verbreitung der TV-Shows ergeben: „Ich denke, 2025 stand im Mittelpunkt. Zu Beginn des Jahres hatten wir ein großartiges Ziel, nachdem wir jahrelang darum gerungen hatten und auch jetzt noch weiterringen, um mittwochs auf TBS und am Wochenende auf TNT ausgestrahlt zu werden. Zudem haben wir Dynamite und Collision in diesem Jahr um etwas Neues erweitert: HBO Max ist unser Streaming-Partner geworden und diese Shows werden simultan ausgestrahlt.“
Diese Entwicklung habe laut Khan eine spürbare Dynamik ausgelöst: „Es hat eine Energie im Unternehmen geschaffen und uns allen das Ziel gesetzt, etwas Neues und Aufregendes zu tun, was wir noch nie zuvor getan hatten. Und während des gesamten Jahres herrschte meiner Meinung nach innerhalb und außerhalb von AEW das Gefühl, dass dies ein großartiges Jahr ist.“
Gleichzeitig räumte Khan ein, dass viele Fans 2025 als Comeback-Jahr betrachteten und er selbst Fehler im bisherigen Arbeitsmodell erkannt habe: „Ich möchte Zusammenarbeit nicht als Fehler bezeichnen. Aber als Entscheidungsträger kann man auch zu kooperativ sein.“
Warum Tony Khan den kreativen Prozess neu strukturiert hat
Im weiteren Verlauf des Interviews erläuterte Khan ausführlich, wie sich sein Arbeitsstil im Laufe der Zeit verändert hat. Er bestätigte, dass er inzwischen den Entwurf jeder einzelnen TV-Show selbst ausarbeitet und bewusst auf große, gemeinsame Meetings zwischen den Shows verzichtet. Dabei erklärte er, dass er ursprünglich einen klaren kreativen Ansatz verfolgt habe, den er bereits im Jahr 2020 entwickelt und verfeinert hatte.
Mit der Zeit habe er jedoch versucht, besonders offen für andere Meinungen zu sein und möglichst kooperativ zu arbeiten. Rückblickend sei er dabei zu dem Schluss gekommen, dass er stellenweise zu nachgiebig gewesen sei und damit einen ähnlichen Fehler wiederholt habe wie zu Beginn seiner Zeit bei AEW: „Da Sie nach dem Schwerpunkt und einigen der Geschichten gefragt haben und nach der Zusammenstellung der TV-Shows: Ja, ich hatte definitiv das Gefühl, dass ich einen guten Ansatz hatte, den ich 2020 verfeinert hatte, und ich versuchte, gut zu sein, zuzuhören und kooperativ zu sein. Ich glaube, ich war zu kooperativ geworden, und das war irgendwie derselbe Fehler, den ich am Anfang gemacht hatte.“
Khan beschrieb, wie er Ende 2024 und Anfang 2025 bewusst einen klareren Kurs einschlug: „Ich habe einfach gesagt: Okay, ich werde den Entwurf für alles selbst zusammenstellen. Ich werde die Besprechungen zwischen den Shows abschaffen und alles selbst zwischen den Shows zusammenstellen. Und dann werde ich mit dem Entwurf meiner Vorstellungen kommen, anstatt viele gemeinsame Besprechungen abzuhalten, in denen jeder seine Meinung dazu äußert, was wir tun sollten.“
Lehren aus der frühen AEW-Phase
Rückblickend bezeichnete Khan die AEW Dynamite Ausgabe im Dezember 2019 in Corpus Christi als einen entscheidenden Moment seiner Entwicklung als Booker. Damals habe er erkannt, dass zu viele Einflüsse dem Produkt schaden können, auch wenn die Ideen grundsätzlich gut seien. Schon kurz nach dem Start von AEW reduzierte er die Zahl der kreativen Stimmen und übernahm mehr Verantwortung.
Fast fünf Jahre später, im Dezember 2024, erinnerte ihn das von ihm weitgehend selbst entworfene Continental Classic daran, wie effektiv dieser Ansatz für ihn gewesen war. Diese Erkenntnis führte zu einer erneuten Umstellung: „Ich glaube, das hat uns am Anfang geholfen, und ich denke, es hat uns wahrscheinlich auch dieses Jahr geholfen, dass ich mich auf eine Sache konzentrieren konnte und nicht vier, fünf, sechs oder sieben Leute in einer Besprechung waren, die alle großartige Ideen einbrachten.“
Direkter Austausch mit Talenten als Schlüssel
Neben der strukturellen Neuausrichtung betonte Khan auch die Bedeutung der direkten Zusammenarbeit mit den Wrestlern. Er nannte ausdrücklich seine enge Abstimmung mit Adam Page und Will Ospreay, deren Programme im Laufe des Jahres besonders positiv aufgenommen wurden: „Ich möchte nicht behaupten, dass Zusammenarbeit grundsätzlich etwas Schlechtes ist, denn das, was AEW so großartig macht, ist Zusammenarbeit. Aber die Zusammenarbeit sollte wahrscheinlich am besten zwischen mir und den Wrestlern stattfinden, um den besten Weg zu finden, ohne dass sich zu viele Leute dazwischenmischen.“
Dabei stellte Khan klar, dass kreative Beiträge weiterhin wichtig seien, insbesondere bei der Ausarbeitung von Charakteren und bei der Umsetzung des finalen Entwurfs: „Es gibt unzählige Beiträge zu einer Wrestling-Show, die sich in Bezug auf die Charakterarbeit innerhalb einer Show finden lassen oder in der Umsetzung des Entwurfs, sobald dieser weitergegeben wurde. Aber ich habe gelernt, dass für die Zusammenstellung des Show-Entwurfs nicht unbedingt viele Leute beteiligt sein müssen.“
Tony Khan über fehlende Womens Main Events bei AEW-PPVs
Ein weiteres Thema des Interviews war die Tatsache, dass bislang kein Womens Match den Main Event eines AEW-Pay per-Views bestritten hat. Khan machte deutlich, dass dies keine grundsätzliche Entscheidung gegen die Womens Division sei: „Das ist durchaus realisierbar. Es muss nur die richtige Kombination, die richtige Situation und der richtige Zeitpunkt zusammenkommen. Wenn es jemals zwei geben würde, die das schaffen könnten, dann wären es die beiden, die Sie erwähnt haben.“
Damit bezog er sich auf Mercedes Moné und Toni Storm, deren Titelmatch bei AEW All In: Texas zwar nicht den Abend beendete, aus Khans Sicht aber dennoch als Top-Attraktion präsentiert wurde: „Das war ein Match auf Main-Event-Niveau. Und so hat es sich auch angefühlt. Es wurde als eines der Main Event Matches auf der Card präsentiert.“
Er erklärte weiter, dass mehrere Begegnungen an diesem Abend die Voraussetzungen für einen Main Event erfüllt hätten: „Es gab drei wichtige Matches, die wir im Globe Life Field gezeigt haben. Toni Storm gegen Mercedes, Omega gegen Okada und Hangman gegen Mox. Jedes davon hätte ein großartiges Main Event sein können.“
Fortschritte in der Womens Division und ein Blick nach vorn
Khan betonte, dass das Jahr 2025 für die Frauen bei AEW dennoch ein bedeutender Schritt nach vorn gewesen sei. Titelgewinne, neue Championships und wichtige Fehden hätten den Bereich gestärkt. Gleichzeitig stellte er klar, dass ein Womens Main Event bei einem Pay-per-View eine Frage des richtigen Moments sei.
Hinterlasse jetzt einen Kommentar