Chris Jericho über seinen AEW-Kultmoment und die wahre Kunst des Wrestlings

Chris Jericho präsentiert sich im roten Anzug

Chris Jericho hat im Interview mit GamesHub auf einen der bekanntesten AEW-Momente seiner Laufbahn zurückgeblickt und gleichzeitig ausführlich über seine kreative Entwicklung, seine Karrierephilosophie und seine Sicht auf modernes Wrestling gesprochen. Dabei ging es um den legendären A-cappella-Moment zu „Judas“, seine ständigen Neuerfindungen als Performer sowie um die Frage, was für ihn im Wrestling wirklich über langfristigen Erfolg entscheidet.

Der besondere „Judas“-Moment bei AEW

Ein zentraler Teil des Gesprächs drehte sich um den viel beachteten Moment aus dem Jahr 2021, als das Publikum bei AEW seinen Entrance Song „Judas“ ohne musikalische Begleitung sang. Jericho erinnerte sich detailliert daran, wie diese Szene im Rahmen der Storyline mit MJF entstand und welche Überlegungen es im Vorfeld dazu gab.

Er beschrieb die Situation als einen besonders erinnerungswürdigen Moment, der im Rahmen einer länger aufgebauten Storyline mit MJF entstand. Bestandteil dieser Geschichte war unter anderem die Vorgabe, dass sein Entrance-Song „Judas“ im Rahmen der Storyline zunächst nicht abgespielt werden durfte. Daraus entwickelte sich die Idee, über einen Zeitraum von 366 Tagen bewusst darauf zu verzichten und stattdessen zu beobachten, wie das Publikum reagieren würde.

Im Vorfeld wurden verschiedene Ansätze diskutiert, um die Zuschauer beim Mitsingen zu unterstützen. Innerhalb der Produktion gab es zahlreiche kreative Vorschläge, etwa den Songtext visuell einzublenden oder ihn sogar physisch im Publikum zu verteilen. Letztlich entschied man sich jedoch bewusst dagegen. Gemeinsam mit Tony Khan kam man zu dem Schluss, dass die Reaktion authentischer wirken würde, wenn man nichts erzwingt. Entweder die Fans kennen den Text und singen mit, oder eben nicht. Genau diese Ungewissheit machte den Moment besonders spannend. Gleichzeitig war man sich bewusst, dass auch ein Scheitern der Idee die Storyline weiter gestärkt hätte.

Als es schließlich soweit war, verlief der Beginn noch etwas unsicher, doch schon nach kurzer Zeit fand das Publikum den Rhythmus und stimmte geschlossen ein. Einige Zuschauer nutzten zwar ihre Handys als Hilfe, doch insgesamt entwickelte sich daraus eine beeindruckende und organische Reaktion. Rückblickend bewertete er diesen Moment als einen der außergewöhnlichsten seiner Karriere. Für ihn war es ein seltenes Beispiel dafür, wie Musik und Wrestling auf perfekte Weise miteinander verschmelzen können. Zudem sieht er diese Szene als unterschätzt an, da vergleichbare Situationen in der Wrestling-Geschichte kaum existieren.

Warum ständige Neuerfindung für Jericho entscheidend ist

Im weiteren Verlauf sprach Jericho ausführlich über die vielen verschiedenen Phasen seiner Karriere und darüber, warum er nie über einen langen Zeitraum dieselbe Figur verkörpern wollte. Auf die Frage, welche seiner zahlreichen Charaktere für ihn aus kreativer Sicht besonders heraussticht, machte er deutlich, dass für ihn weniger eine einzelne Rolle als vielmehr der ständige Wandel entscheidend war.

Jericho erklärte, dass es für ihn schwierig sei, eine einzelne Phase seiner Karriere hervorzuheben, da er sich im Laufe der Jahre immer wieder neu erfunden habe. Diese Herangehensweise habe er stark von David Bowie übernommen, den er als großes Vorbild nennt. Bowie sei dafür bekannt gewesen, sich mit jedem Album sowohl optisch als auch musikalisch zu verändern, dabei aber stets als derselbe Künstler erkennbar zu bleiben. Genau dieses Prinzip sieht Jericho auch bei sich selbst: Trotz unterschiedlicher Charaktere und Entwicklungen sei der Kern immer gleich geblieben, sodass Fans seine verschiedenen Versionen klar zuordnen können.

Besonders prägende Abschnitte seiner Karriere seien unter anderem seine Zeit als Y2J, frühere Catchphrases aus der WCW sowie spätere Gimmicks wie „You just made the list“, das zwar nur vergleichsweise kurz genutzt wurde, aber bis heute großen Wiedererkennungswert besitzt. Er merkt an, dass Fans ihn sogar heute noch häufig darauf ansprechen und sich genau diese Momente wünschen.

Gleichzeitig betont Jericho, dass es für ihn entscheidend sei, nicht zu einem reinen Nostalgie-Act zu werden. Stattdessen wolle er sich kontinuierlich weiterentwickeln und bewusst Veränderungen eingehen, auch wenn diese zunächst auf Ablehnung stoßen. Als Beispiele nennt er unter anderem den Verzicht auf den bekannten Countdown, eine neue Frisur oder Veränderungen bei seiner Ringkleidung. Diese Schritte vergleicht er mit dem Moment, als die Band KISS ihr ikonisches Make-up ablegte, obwohl genau dieses von den Fans erwartet wurde.

Für Jericho steht fest, dass Stillstand langfristig schädlich ist. Wer sich nicht weiterentwickelt, verliert an Relevanz. Deshalb sieht er es als notwendig an, Risiken einzugehen und neue Wege zu testen, auch wenn diese nicht immer sofort auf Zustimmung stoßen. In den meisten Fällen hätten sich diese Veränderungen jedoch ausgezahlt.

Was ihm aus Gesprächen mit Lemmy im Gedächtnis blieb

Chris Jericho erinnerte sich an eine Begegnung mit Lemmy von Motörhead, die seine Einstellung stark geprägt hat. Statt sich auf den Klassiker „Ace of Spades“ zu konzentrieren, stellte Lemmy bei einem Radiotermin bewusst neue Musik in den Vordergrund und betonte, wie wichtig Weiterentwicklung trotz früherer Erfolge ist.

Diese Haltung übernahm Jericho für sich selbst. Obwohl Fans bei Fozzy weiterhin „Y2J“ chanten, sieht er darin keinen Anlass, sich auf der Vergangenheit auszuruhen, sondern setzt bewusst auf kreative Weiterentwicklung.

Jerichos Sicht auf Matchqualität, Charaktere und Publikum

Ein weiterer Schwerpunkt des Interviews war seine Einschätzung zum modernen Wrestling. Dabei machte Jericho klar, dass aus seiner Sicht die reine Matchqualität heute häufig zu stark gewichtet werde, während andere entscheidende Faktoren in den Hintergrund rückten.

Er formulierte es so: „Der Wert der Matchqualität wird mittlerweile viel zu sehr überbewertet. Beim Wrestling geht es nicht um die Qualität der Matches, beim Wrestling geht es darum, eine Verbindung zum Publikum herzustellen und die Fantasie und das Interesse der Zuschauer zu wecken. Nehmen wir WrestleMania 18, Jericho gegen HBK, wir hatten ein großartiges Match, wahrscheinlich das beste der Show, und 75.000 Leute dort sind völlig ausgeflippt. Aber das war das Ergebnis einer großartigen Storyline, die auf diesen Moment hin aufgebaut war.

Heute kann man zu einer Show gehen und ein Fünf-Sterne Match nach dem anderen sehen, wenn man sich an die Definition von vielen innovativen physischen Moves hält. Was großartig ist. Aber wie reagiert das Publikum? Ein Fünf-Sterne Match sollte bedeuten, dass das Publikum in einem ausverkauften Stadion ausflippt. Man kann auch einen Fünf-Sterne Match in einem Gemeindezentrum vor 50 Leuten haben, daher ist die Bewertung für sich genommen irrelevant. Es geht um den Charakter, die Storyline, das Charisma.

Darum geht es beim Wrestling, das war in den 1930er Jahren so und das ist auch heute noch so. Die größten Stars sind diejenigen, die auf höchstem Niveau eine Verbindung zum Publikum herstellen. Wenn man das kann, hat man immer eine Karriere. Wenn man dazu noch ein großartiges Match liefern kann, umso besser. 

Dazu erklärte Jericho, dass der Ultimate Warrior zwar nicht für besonders viele herausragende Matches bekannt gewesen sei, die Fans ihn jedoch aus einem ganz anderen Grund sehen wollten. Im Mittelpunkt standen weniger die Matchqualität, sondern vielmehr seine energiegeladene Ausstrahlung und sein spektakulärer Entrance, bei dem er zum Ring sprintete. Genau dieser Moment habe für viele Zuschauer den eigentlichen Reiz ausgemacht. Jericho merkte an, dass er diese Art von Wirkung ebenfalls reizvoll findet, da man so das Publikum begeistern kann, ohne den eigenen Körper durch aufwendige Matches dauerhaft stark zu belasten.

Sorgen um Langlebigkeit und den körperlichen Verschleiß

Jericho sprach im Anschluss auch über die körperlichen Anforderungen des heutigen Wrestlings und darüber, wie sich ein besonders risikoreicher Stil auf die Dauer einer Karriere auswirken kann. Dabei bezog er seine eigenen Erfahrungen ebenso ein wie seine Beobachtungen im heutigen Geschäft:

„Was mir bei den Jungs, die heute im Geschäft sind, Sorgen bereitet, ist Folgendes: Ich bin jetzt 55, seit 35 Jahren dabei und habe noch etwas Karriere vor mir. Ich weiß nicht, ob es ein Jahr, zwei Jahre oder vier Jahre sind, ich bin mir nicht sicher. Aber ich weiß nicht, wie viele der Jungs, die jetzt im Geschäft sind, die Möglichkeit haben werden, 35 Jahre durchzuhalten. Hoffentlich alle. Aber man sieht schon jetzt, was schwere Verletzungen anrichten: Eine schlimme Nackenoperation verändert alles. Es könnte schwieriger werden, eine lange Karriere aufrechtzuerhalten, wenn so viel Wert auf die körperliche Verfassung gelegt wird, auf Kosten von Charisma und Charakter.

Jericho erinnerte sich an einen prägenden Moment zu Beginn seiner Karriere, als er zum ersten Mal ernsthaft verletzt wurde. Zu dieser Zeit fühlte er sich noch unverwundbar, doch ein Vorfall in León, Mexiko, änderte seine Sichtweise grundlegend. Bei einem Sprung über das oberste Seil verließ sich Jericho darauf, dass sein Gegner ihn auffangen würde. Stattdessen wich dieser jedoch aus, sodass er ungebremst auf fest installierte Stühle aufprallte und sich dabei den Arm verletzte.

Dieses Erlebnis führte ihm deutlich vor Augen, dass Wrestling mit realen Risiken verbunden ist und man sich nicht auf andere verlassen kann. Besonders die Erkenntnis, dass fehlende Zusammenarbeit im Ring die Gefahr noch erhöht, blieb ihm im Gedächtnis. In der Folge begann er, bewusster abzuwägen, welche Aktionen das Risiko wirklich wert sind. Für ihn ist genau diese Fähigkeit entscheidend, um langfristig gesund zu bleiben und eine lange Karriere im Wrestling zu haben.

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