Paul Wight hat in seiner langen Karriere nahezu jede Seite des modernen Wrestling-Geschäfts kennengelernt. Von seinen mehr als zwei Jahrzehnten bei WWE bis zu seiner heutigen Tätigkeit für All Elite Wrestling arbeitete der frühere Big Show unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen.
Im Gespräch mit „Inside the Ring“ blickte Wight auf diese Erfahrungen zurück. Dabei schilderte er, wie er seine Zeit unter Vince McMahon wahrnahm, welche Unterschiede er heute bei Tony Khan erkennt und warum sich gerade für jüngere Wrestler die Möglichkeiten innerhalb des Geschäfts verändert haben.
Paul Wight fühlte sich bei WWE nie wirklich sicher
Mehr als zwei Jahrzehnte gehörte Wight zu den bekanntesten Stars von WWE. Trotz dieser langen Zugehörigkeit und zahlreicher großer Programme entwickelte sich bei ihm nach eigener Aussage jedoch nie das Gefühl, seine Position im Unternehmen sei dauerhaft abgesichert. Er habe zu keinem Zeitpunkt gedacht, aufgrund seines Namens oder seiner Verdienste automatisch einen Platz auf Lebenszeit zu besitzen.
Unter Vince McMahon sei für ihn stets klar gewesen, dass das Unternehmen an erster Stelle stehe und die Talente danach kämen. Solange ein Wrestler seinen Wert unter Beweis stelle und das liefere, was von ihm erwartet werde, habe er seinen Platz. Gleichzeitig sei Wight bewusst gewesen, dass sich diese Situation jederzeit ändern könne.
Diese Denkweise hat über die Jahre auch Druck erzeugt. Selbst nach langer Betriebszugehörigkeit habe er gewusst, grundsätzlich entlassen werden zu können. Die damit verbundene Unsicherheit und der Stress seien für ihn lange ein normaler Bestandteil des Wrestling-Geschäfts gewesen.
Vince McMahon und Tony Khan verfolgen unterschiedliche Ansätze
Seit seinem Wechsel zu AEW im Jahr 2021 hat Wight nach eigener Aussage eine andere Herangehensweise kennengelernt. Dabei stellt er Tony Khan und Vince McMahon jedoch nicht als Gegensätze dar. Vielmehr verweist er darauf, dass beide Unternehmen unter unterschiedlichen Voraussetzungen führen beziehungsweise geführt haben.
Wight vergleicht Khans Ansatz eher mit dem eines Besitzers eines professionellen Sportteams. Der AEW-Präsident beschäftige Wrestler mit individuellen Fähigkeiten und Persönlichkeiten und versuche, diese innerhalb seines Produkts einzusetzen. McMahon habe dagegen über Jahrzehnte ein stärker von traditionellen Wrestling-Strukturen geprägtes System aufgebaut.
Für Wight bedeutet das nicht, dass eine Herangehensweise grundsätzlich richtig und die andere falsch ist. McMahon musste über viele Jahre hinweg sehr unterschiedliche Persönlichkeiten führen und zugleich dafür sorgen, dass das Unternehmen WWE funktioniert. Seine Erfahrungen bei AEW haben ihm jedoch gezeigt, dass Talente heute teilweise andere Möglichkeiten erhalten, ihre eigene Rolle zu entwickeln.
AEW verlangt mehr Eigenverantwortung von seinen Wrestlern
Einen besonders großen Unterschied sieht Wight im kreativen Bereich. Nach seiner Wahrnehmung bietet AEW den Wrestlern viel Raum, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln und herauszufinden, wie sie beim Publikum ankommen. Tony Khan stelle ihnen die Fernsehzeit und damit eine Plattform zur Verfügung, auf der sie selbst eine Verbindung zu den Zuschauern herstellen müssten.
Wight verweist darauf, dass ein Wrestler bei AEW nicht zwangsläufig von einem großen Writing-Team einen detailliert vorgegebenen Text erhalte. Mit der größeren Freiheit geht allerdings auch mehr Verantwortung einher. Wer selbst bestimmen könne, wie er seine Persönlichkeit präsentiert, müsse verstehen, was die eigene Rolle ausmacht und warum sie funktionieren soll.
Gerade für jüngere Wrestler betrachtet Wight dieses Umfeld als wertvolle Gelegenheit. Sie könnten Dinge ausprobieren, Erfahrungen sammeln und erkennen, welche Bestandteile ihrer Präsentation funktionieren. Die endgültige Entscheidung über das Produkt liege selbstverständlich weiterhin bei Tony Khan.
Die heutige Generation beeindruckt Wight mit ihrer Athletik
An den körperlichen Fähigkeiten vieler heutiger Wrestler hat Wight kaum Zweifel. Er bezeichnet die aktuelle Generation als außergewöhnlich athletisch und sieht in ihr einige der besten reinen Athleten, die er während seiner jahrzehntelangen Karriere erlebt habe. Auch die Entwicklung des Women’s Wrestlings hebt er ausdrücklich hervor.
Die eigentliche Herausforderung liege für ihn deshalb nicht darin, immer spektakulärere Aktionen zu erlernen. Entscheidend sei vielmehr, aus den vorhandenen Fähigkeiten eine Persönlichkeit zu entwickeln, an die sich das Publikum erinnert. Ein Wrestler müsse verstehen, wie er eine Verbindung zu den Zuschauern aufbaut, wann eine Aktion die gewünschte Reaktion erzeugt und wie sich ein Match entsprechend steuern lässt.
Technisches Können allein mache schließlich noch keinen Star. Timing, Präsenz und das Verständnis für die Reaktionen des Publikums seien Fähigkeiten, die sich häufig erst mit zunehmender Erfahrung vollständig entwickeln.
Paul Wight beurteilt seine ersten AEW-Kommentare selbstkritisch
Diese Erfahrung versucht Wight inzwischen auch außerhalb des Rings einzusetzen. Seine ersten Auftritte als AEW-Kommentator beurteilt er rückblickend ausgesprochen kritisch. Er habe anfangs zu sehr versucht, wie ein klassischer Wrestling-Kommentator zu klingen, anstatt seine eigenen Stärken zu nutzen.
Tony Schiavone habe ihm deshalb geraten, sich stärker zu entspannen. Einen weiteren wichtigen Hinweis erhielt Wight von AEW-Produzent Mike Mansury. Dieser habe ihm empfohlen, seine Rolle eher mit der eines ehemaligen Quarterbacks bei einer Football-Übertragung zu vergleichen. Statt jeden komplizierten Move exakt benennen zu wollen, solle Wight erklären, warum ein Wrestler eine bestimmte Aktion ausführt und welche Bedeutung sie innerhalb eines Matches besitzt.
Mit einem Augenzwinkern verweist Wight dabei auf Excalibur. Der AEW-Kommentator verfüge über ein enormes Wissen und könne selbst komplizierte Aktionen sofort mit ihrem korrekten Namen versehen. Wight selbst denke bei manchen spektakulären Bezeichnungen wesentlich einfacher und erkenne darin gelegentlich vor allem einen Side Slam.
Gerade deshalb versucht er nicht mehr, Excaliburs Rolle zu kopieren. Seine Stärke sieht Wight darin, Situationen aus Sicht eines erfahrenen Wrestlers einzuordnen und den Zuschauern Zusammenhänge zu erklären, die ihnen möglicherweise nicht unmittelbar auffallen.
Er wurde 1995 bei Paul Wights Beginn in der WCW als Sohn von André the Giant angekündigt. Dass diese Lüge jedoch nicht lange gutging, ist klar. Ich traue Vince zu, dass er ihn vielleicht jederzeit entlassen hätte, obwohl er solche Riesen bevorzugte. Darum ist es gut, dass er so lange bei der WWE war.