Billy Gunn äußert deutliche Kritik an Tempo, Stil und Psychologie im heutigen Wrestling

Billy Gunn mit seiner typischen Geste

Nach mehr als drei Jahrzehnten im Wrestling-Geschäft zieht Billy Gunn eine ernüchternde Bilanz über den aktuellen Zustand der Branche. Der frühere WWE-Star und heutige AEW-Trainer sieht grundlegende Probleme im modernen Ringstil und spart nicht mit deutlicher Kritik an der heutigen Generation von Wrestlern. Seine Aussagen machte Gunn in mehreren Interviews und Auftritten deutlich, unter anderem im All Real Wrestling Podcast sowie in der Sendung ARWP.

Gunn, der seit 1989 aktiv ist und seine erfolgreichste Zeit in den 1990er-Jahren bei WWE erlebte, äußert sich vor allem über fehlende Grundlagen, mangelndes Storytelling und eine seiner Meinung nach gefährliche Entwicklung hin zu immer spektakuläreren, aber inhaltsleeren Matches.

Fehlende Grundlagen und mangelnde Ringarbeit

Im Zentrum von Gunns Kritik steht die Art und Weise, wie heutige Wrestler Matches aufbauen. Seiner Ansicht nach fehle vielen Talenten das Verständnis dafür, wie man ein Match strukturiert und Spannung erzeugt: „Heutzutage weiß niemand mehr, wie man arbeitet“, sagte Gunn. „Sie wissen generell nicht, wie man arbeitet.“

Dabei betont er, dass es ihm nicht darum gehe, frühere Zeiten unkritisch zu verklären. Er räumte ein, dass der Wrestling-Stil der Achtzigerjahre heute nicht mehr funktionieren würde. Dennoch seien die grundlegenden Prinzipien von Matchpsychologie und Erzählweise zeitlos und weiterhin relevant.

Kritik an übertriebener Athletik und fehlender Matchpsychologie

Gunn sieht im heutigen Wrestling eine gefährliche Dynamik. Viele Wrestler würden sich primär über auffällige Moves definieren und dabei das größere Bild aus den Augen verlieren. Die Jagd nach sofortigen Reaktionen habe aus seiner Sicht dazu geführt, dass Matches ihre emotionale Wirkung verlieren: „Mit Wrestling-Moves kann man das genauso machen. Aber die Leute wissen nicht, wie man richtig arbeitet. Und sie sind faul!“, erklärte Gunn. Dabei stellte er klar, dass er nicht die athletischen Fähigkeiten infrage stelle, sondern den fehlenden Einsatz von Struktur, Tempo und Dramaturgie kritisiere.

Als AEW-Trainer verzichtet er bewusst darauf, im Training spektakuläre Aktionen zu lehren, da diese ohnehin von fast jedem beherrscht werden. Das eigentliche Problem liege für ihn im fehlenden Verständnis dafür, warum ein Match stattfindet.

Warum Konflikte im Wrestling entscheidend sind

Für Gunn ist Wrestling weit mehr als eine Abfolge beeindruckender Manöver. Er betont, dass es immer einen klaren Grund für eine Auseinandersetzung geben müsse: „Es muss einen Grund geben, warum wir kämpfen. Es muss einen Grund geben, warum jemand mich mag und dich hasst“, erklärte er.

Um zu erklären, wie aus seiner Sicht funktionierendes Storytelling im Wrestling entsteht, griff Gunn auf ein bewusst stark vereinfachtes, hypothetisches Beispiel zurück. Er machte deutlich, dass ein Match nur dann emotionale Wirkung entfalten könne, wenn ein klarer persönlicher Auslöser vorhanden sei, der für das Publikum unmittelbar nachvollziehbar ist. Erst durch ein solches Motiv entstehe Spannung und das Interesse daran, wie sich der daraus resultierende Konflikt im Ring entlädt.

Ablehnung von erzwungenen Publikumsreaktionen

Ein weiterer zentraler Kritikpunkt richtet sich gegen Wrestler, die aus Gunns Sicht aktiv um Reaktionen des Publikums betteln. Er hält wenig davon, Fans explizit zum Jubeln aufzufordern, anstatt sie durch Präsenz und Ausstrahlung mitzunehmen: „Dass ich eine Reihe von Wrestling-Moves mache und euch bitte, mich anzufeuern, ist nicht mein Ding. Das ist nicht meine Art. Ihr habt eine Eintrittskarte gekauft, um mich zu sehen. Warum sollte ich euch dann bitten, mich anzufeuern?“

Gunn kritisierte außerdem, dass viele junge Talente ihre Matches stark nach einem festen Schema aufbauen. Seiner Ansicht nach kündigen sie ihre Aktionen praktisch im Voraus an, erwarten zunächst eine Reaktion des Publikums und führen den Move erst danach aus.

Nach seiner Einschätzung würden viele Wrestler weder ihre Körpersprache noch ihr Timing oder ihre Ringpräsenz effektiv einsetzen, um das Publikum auf natürliche Weise zu führen.

Rückblick auf die Attitude-Ära als Kontrast

Im Vergleich dazu erinnerte sich Gunn an seine eigene Karriere in der WWE-Attitude-Ära. Dort hätten oft einfache Mittel gereicht, um starke Reaktionen auszulösen.

Gunn erinnerte sich daran, dass in der Attitude-Ära oft schon wenige Worte ausreichten, um starke Reaktionen auszulösen. Allein der Satz „I have two words for you“ habe damals genug Energie transportiert, um die Halle zum Toben zu bringen, und wirke bis heute nicht veraltet.

Für Gunn zeigt dieses Beispiel, dass Wirkung nicht zwangsläufig aus Komplexität entsteht, sondern aus Klarheit, Intensität und dem richtigen Aufbau.

Ein branchenweites Problem ohne Ligengrenzen

Gunn stellte klar, dass seine Kritik nicht auf eine einzelne Liga beschränkt sei. Weder WWE noch AEW seien von diesen Problemen ausgenommen. Seiner Ansicht nach betreffe die Entwicklung das gesamte Wrestling-Business: „Betrifft es AEW? Ja. Betrifft es WWE? Ja. Es ist überall ein Problem, weil man glaubt, dass genau das nötig ist. Wir nehmen uns nicht die Zeit, um uns langsam heranzuarbeiten. Wir springen direkt von 50 auf 100.“

Die Folge sei ein Produkt, das das Publikum überfordere, statt es mitzunehmen. Gunn warnte davor, dass die Zuschauer irgendwann genug von immer neuen spektakulären Aktionen haben werden, die keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Sein Fazit fällt entsprechend deutlich aus. Wenn Wrestling sich weiterhin wie eine Abfolge von „Autounfällen“ anfühle, bestehe die Gefahr, dass sich das Publikum langfristig abwende.

8 Kommentare

  1. Ich stimme ihm da komplett zu. Das fängt schon damit an, dass es gefühlt in jedem Match eine Highflying-Aktion aus dem Ring nach draußen gibt und diese Aktionen eben oftmals „angekündigt“ werden.

    • Nun das Publikum hat sich verändert,die Wrestler haben sich verändert und auch das Geschäft hat sich geändert. Heute erwarten die Leute halt „mehr“ für ihr Geld. Wer halt nicht mit der Zeit geht, geht halt mit der Zeit. In zeiten wo die Leute eine so kurze Aufmerksamkeitsspanne haben funktioniert halt dieser behäbige Wrestlingstil der 80er frühen 90er nicht mehr. Ist das gleiche wie im Fußball. Schaut euch mal alte Spiele von früher an mit Beckenbauer,Müller,Maier etc. So würde keiner mehr heute spielen.

  2. Er hat absolut recht, der Billy Gunn. Ich persönlich schaue mir seit Längerem auf YouTube die alten Matches aus den 90ern an. Die Matches damals hatten mehr Dramatik. Die Wrestler verkauften den Schmerz nach jeder Landung und bei den Griffen viel besser als die von heute. Die Wrestling-Matches von heute sehen meistens aus wie aus einem Kung-Fu-Film.

  3. Zeigt sich eh an den Quoten. Wer richtigen Sport sehen will schaut sowieso Leichtathletik wenn man herumfliegende Leute sehen will.

    Ich bin seit 1992 nonstop dabei aber sehe lieber alte Matches wie Bam Bam Bigelow gegen Undertaker oder Crush gegen Repo Man als so Quotenkiller wie Dante Martin, Holocram oder wie die alle heissen. Tony kapiert das leider nicht.

  4. Exakt auf den Punkt gebracht. Zuhören, umsetzen, sonst sind die Leute irgendwann weg. Ich gucke selbst eigentlich nur noch New Japan, weil ich mir den US-Blödsinn schlicht nicht mehr geben kann.

  5. Er hat vollkommen Recht. Aber das sehe ich als jemand so, der 25+ Wrestling verfolgt. Die Leute die das Geld bringen sehen das wahrscheinlich anders und nur um die geht es am Ende.

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