Wenn es einen Moment in der Geschichte der WWE gibt, der als radikal und unvorhersehbar bezeichnet werden kann, dann ist es der Abend, an dem The Nexus im Juni 2010 bei Monday Night Raw in die Main Show eingriff. Was für die Zuschauer wie ein außergewöhnlich intensives Segment wirkte, entpuppte sich hinter den Kulissen als reale Drucksituation. Der frühere WWE-Superstar David Otunga gewährte in verschiedenen Interviews detaillierte Einblicke in die Stunden vor der berühmten Invasion, die heute als eines der gewagtesten Debüts der modernen WWE gilt.
Nach dem Finale der ersten NXT-Staffel wurden alle acht Teilnehmer zur folgenden Raw-Ausgabe bestellt. Niemand wusste, warum sie dort waren, und laut Otunga sprach den gesamten Tag niemand mit ihnen. Erst kurz vor Beginn der Live-Show wurden die Talente in das Büro von Vince McMahon geführt. Dort warteten McMahon und Michael Hayes bereits mit einer Anweisung, die den Verlauf des Abends bestimmen sollte. Otunga erklärte, dass ihnen eine direkte und unmissverständliche Vorgabe gemacht wurde. Sie sollten die Show stürmen, den Ring verwüsten und sämtliche Beteiligte angreifen, darunter John Cena, CM Punk, der Ringrichter, der Zeitnehmer und sogar die Kommentatoren. Sie sollten außerdem den Ringbelag mit Messern aufschneiden und das Segment musste brutal genug wirken, damit es funktionierte. Andernfalls würden alle Beteiligten entlassen werden.
Für Otunga, der zu diesem Zeitpunkt noch kaum Matches absolviert hatte, bedeutete die Situation enormen Druck. Er erhielt die Aufgabe, den allerersten Angriff der Invasion auszuführen. Ziel des Schlages war Ringrichter Chad Patton. McMahon machte ihm deutlich, dass der Treffer absolut überzeugend wirken müsse. Otunga erklärte Patton deshalb sofort, dass der Schlag wirklich sitzen müsse, weil bereits ein schwacher oder unglaubwürdiger Treffer ihre Arbeitsplätze gefährden könnte.
Der Auftritt sorgte schließlich für einen so starken Überraschungsmoment, dass einige WWE-Mitarbeiter im Backstagebereich für kurze Zeit glaubten, es handle sich um einen echten Vorfall. Auch im Zuschauerbereich kam es zu einer ungewöhnlichen Reaktion. Ein Fan, der nah an der Absperrung saß, versuchte, den Ringgong zu läuten, um Hilfe zu holen, weil er die Situation für real hielt.
Ein weiterer Aspekt sorgte für Kontroversen. Daniel Bryan wurde unmittelbar nach der Ausstrahlung der Show entlassen, da er den Ringansager Justin Roberts mit einer Krawatte würgte. Diese Szene verstieß nach Angaben vieler Quellen gegen die damaligen Richtlinien der PG-Ära. Otunga erklärte später, dass niemand in der Gruppe die genauen Grenzen kannte, da ihnen lediglich gesagt wurde, dass es hart aussehen müsse und Zögern zur Kündigung führen würde.
Das Gefühl der Unsicherheit: Nexus kämpft buchstäblich um seine Zukunft
Nicht nur während des Debüts, sondern auch danach lebten die Mitglieder der Gruppierung in ständiger Unsicherheit. Otunga beschrieb, dass die Gruppierung nach dem Segment nicht wusste, ob ihre Darstellung gut genug gewesen war. Erst als sie hinter die Kulissen kamen und mit stehenden Ovationen begrüßt wurden, hatten sie zumindest kurzfristig das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Er erinnerte sich außerdem daran, dass durch das Konzept von NXT zusätzliche Drucksituationen entstanden. Da der Sieger der Show einen WWE-Vertrag erhielt, mussten alle anderen hoffen, durch ihre Leistungen einen Platz im Main Roster zu erlangen. Wer keinen Eindruck hinterließ, riskierte die Rückkehr ins Entwicklungssystem oder die Entlassung. Diese Grundlage sorgte dafür, dass jeder Moment für die Beteiligten existenziell war.
In einem weiteren Gespräch erklärte Otunga, dass Vince McMahon ihnen am Tag des Debüts mitteilte, wie sie auftreten sollten. Die Mitglieder des Nexus sollten wie wilde Tiere wirken, die sich wie ein Rudel bewegen, das keinerlei Kontrolle kennt. Diese Anweisung entsprach dem Grundton des gesamten Konzepts. Laut Otunga wusste keiner von ihnen, warum sie plötzlich in die Show gerufen worden waren. Erst in McMahons Büro wurde ihnen klar, dass ein außergewöhnliches Segment geplant war, dessen Erfolg allein in ihren Händen lag.
Ein verlorenes Momentum: Wie eine Entscheidung den Aufstieg der Gruppe stoppte
Obwohl das Debüt einschlug und die Gruppierung in den Wochen danach als dominierende Kraft inszeniert wurde, verlor Nexus nach SummerSlam 2010 abrupt an Bedeutung. David Otunga äußerte sich viele Jahre später zu dieser Phase und stellte fest, dass die WWE seiner Einschätzung nach eine enorme Chance ungenutzt ließ. Nexus hätte seiner Ansicht nach langfristig zu einem Eckpfeiler-Stable werden können, doch die Entwicklung kam ins Stocken, nachdem die Gruppierung beim SummerSlam gegen Team WWE verlor.
Otunga erklärte in einem Interview mit Chris Van Vliet, dass sie den ganzen Tag über davon ausgegangen seien, dass Nexus den Main Event des SummerSlam gewinnen würde. Erst kurz vor dem Pay-per-View wurde ihnen mitgeteilt, dass John Cena das Match gewinnen würde. Otunga war der Ansicht, dass dieser Ausgang den Anfang vom Ende markierte. Er verglich Nexus später mit „The Shield“ und stellte fest, dass die WWE bei der späteren Gruppierung all das richtig machte, was bei Nexus falsch gelaufen war. The Shield erhielt eine konsequente Darstellung, wurde geschützt und profitierte von langfristigen Plänen. Nexus hingegen verlor nach der Niederlage an Glaubwürdigkeit und erreichte nie wieder denselben Stellenwert.
Otunga erklärte zudem, dass er ursprünglich als möglicher Anführer der Gruppierung vorgesehen gewesen sei. Nachdem diese Entwicklung jedoch unterbrochen wurde, übergab die WWE die Gruppierung an CM Punk. Das konnte jedoch nicht an das anknüpfen, was Nexus zu Beginn ausgemacht hatte.
Die endgültige Wendung: Wie Vince McMahon die Gruppendynamik veränderte
Der frühere Nexus-Anführer Wade Barrett bestätigte in einem Gespräch mit „Inside The Ropes”, dass die ursprüngliche Planung für den „SummerSlam” tatsächlich einen Sieg von Nexus vorsah. Laut Barrett wurde die Nachricht über den Ausgang erst kurz vor Beginn der Veranstaltung geändert. Arn Anderson habe ihm das neue Finish übergeben, bei dem Cena sowohl ihn als auch Justin Gabriel besiegen würde. Barrett ging zunächst davon aus, dass es sich um einen Scherz handelte. Erst als klar wurde, dass die Anweisung ernst gemeint war, suchte er gemeinsam mit weiteren Gruppenmitgliedern das Gespräch mit Vince McMahon.
Barrett schilderte, dass sie McMahon erklärten, ein Sieg von Cena würde die gesamte Dynamik zerstören. McMahon antwortete ihnen, dass ihm ein Finale mit einem glücklichen Ende für den SummerSlam wichtiger sei. Barrett gab später zu, dass er diese Begründung für nicht glaubwürdig hielt und bis heute davon überzeugt ist, dass ein anderer Grund dahintersteckte. Laut Barrett versuchten sogar Edge und Chris Jericho, Cena davon zu überzeugen, dass der ursprüngliche Plan besser gewesen wäre. Nach Barretts Aussage räumte Cena Wochen später ein, dass der Ausgang tatsächlich ein Fehler gewesen sei.
Für Barrett stand fest, dass die Gruppierung nach diesem Abend ihren entscheidenden Vorsprung verlor. Was als revolutionäres Stable angelegt war und langfristig hätte getragen werden können, verlor über Nacht seine Schlagkraft.
Merchandising statt Storyline: Warum John Cena das Nexus-Shirt nicht tragen wollte
Ein weiterer Aspekt der Nexus-Ära ist John Cenas Entscheidung, das Shirt der Gruppierung während der Storyline nicht zu tragen. Wade Barrett erklärte in einem Interview, wie das Merchandising-System der WWE zu dieser Entscheidung führte. WWE-Talente erhalten einen prozentualen Anteil am Verkauf ihrer Fanartikel. Standardverträge sehen einen Anteil von fünf Prozent des Verkaufspreises vor. Ein Wrestler erhält somit einen Dollar pro verkauftem Shirt, wenn der Preis bei zwanzig Dollar liegt.
Barrett erklärte, dass Cena einen individuell verhandelten Vertrag hatte, der deutlich höhere Prozentsätze beinhaltete, da er zu dieser Zeit zu den erfolgreichsten Merchandising-Zugpferden der WWE gehörte. Die Nexus-Shirts verkauften sich zwar hervorragend, aber Cena hätte seine hohen individuellen Einnahmen mit sechs weiteren Mitgliedern teilen müssen. Barrett schilderte, dass dies der Grund gewesen sei, warum Cena das Shirt nur einmal für einen kurzen Moment getragen habe und danach wieder zu seiner eigenen Kleidung zurückgekehrt sei. Diese Einschätzung stammt jedoch nicht von Cena selbst, sondern aus Gesprächen im Backstagebereich, die damals kursierten.
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